Zetteldichter und Exhibitionisten

Der Artikel von Elmar über Helmut Seethaler hat Kommentare en masse nach sich gezogen und dazu geführt, dass das Denkfabrikat Kontakt zu dem "Zettelpoeten" aufgenommen hat. Vor Kurzem erhielt ich ein kleines Päckchen von Helmut Seethaler, gefüllt mit Gedichten, Zeitungsartikeln und Kommentaren zu Anzeigen. Die Wiener Justiz und vor allem die Wiener Linien bemühen sich redlich dem Mann das Leben und Arbeiten schwer zu machen, Kosten und Mühen werden nicht gescheut. Das brachte mich zum Nachdenken über die Wertigkeit von Strafdelikten.

Gedankensprung: Vor einer Woche masturbierte ein Fremder vor meinem Zimmerfenster im Studentenheim, eine Woche zuvor einige Zimmer weiter. Ein Anruf beim Notruf der Polizei hatte keinerlei Folgen, ich musste Tags darauf selbst zur Wache gehen. Seltsam?

Ich finde ja. Warum ich von Helmut Seethaler auf diesen Vorfall komme? Ganz einfach: die Verbindung Polizei, Justiz, Verbrechen. Frage: Wem schadet Seethaler mit seinen Gedichten? Warum werden hier Anzeigen aufgenommen? Der Dichter beschreibt nur temporäre Baustellenflächen, diese nur mir abwaschbaren Stiften und seine Gedichte kleben an Tixostreifen (logischerweise mit der Klebeseite nach vorne). Von wirklichem Schaden kann hier keine Rede sein. Jedenfalls überwiegt der Nutzen deutlich. Darüberhinaus wurde von zahlreichen Richtern Seethalers Arbeit als Kunst und somit als schützenswert erachtet. Das hält scheinbar trotzdem niemanden auf, den Dichter mit mittlerweile über 3000 Anzeigen zu überhäufen, denen die Polizei offensichtlich mit Freuden nachgeht.

Andere Frage: Wenn ein Mensch in meinen persönlichen Lebensbereich eindringt, mich demütigt und einer Hilflosigkeit aussetzt, mich für seine gestörte Sexualität benutzt, könnte man doch davon ausgehen, dass die Polizei hier handelt? Falsch gedacht. Am Abend der Tat wartete ich vergeblich auf Beamte, wurde immer wütender und verständnisloser und nahm schließlich am nächsten Tag die Sache selbst in die Hand, indem ich zum nächsten Wachzimmer ging und mich beschwerte. Die Antwort des Diensthabenden: „Wird scho a Streifn vorbeigfoahn sein.” Großartig. Erst nachdem ich mich auch damit nicht zufrieden gab, bequemte man sich dazu, eine Kollegin zu rufen, die dann eine Aussage aufnahm. Das war vor einer Woche und obwohl ich ausdrücklich angab, dass es jemanden gibt, der den Mann beschreiben kann, hat man bis heute keinen Kontakt zu mir aufgenommen. Scheinbar ist sexuelle Belästigung noch immer ein Delikt, das kaum ernst genommen wird.

Herr Seethaler, vielleicht könnten Sie mal Gedichte an mein Fenster kleben, eventuell hab ich dann mehr Chancen auf Einsatz der Polizei?!

Ich möchte hier KEINESFALLS einen Vergleich ziehen, sondern äußere nur meine Gedanken zu einem teilweise versagenden Rechtssystem.

Hinzu kommt noch, dass kleinbürgerliche, gelangweilte Menschen scheinbar nichts Besseres zu tun haben als unbedeutende „Missstände” zur Anzeige zu bringen. Heute erst erlebt: Vor meinem Studentenheim befinden sich Blumenkästen, die dieses Wochenende mit kleinen Schnapsflaschen gefüllt wurden. Zugegeben, muss natürlich nicht sein. Ein Rentner fühlte sich aber heute verpflichtet den „Tatort” plus das Schild des Studentenheimes zu fotografieren, wahrscheinlich in der Absicht damit zur Polizei zu gehen. Ich würde mich wahrscheinlich zu einem unkontrollierten Lachanfall hinreißen lassen, sollte die Polizei deswegen auftauchen, ein Mann der mehrmals vor Zimmern von Frauen masturbiert wird hingegen ignoriert.

Helmut Seethaler ist nach über 30 Jahren Kampf gegen diese Menschen scheinbar etwas müde.Kommentar von Seethaler am 27. April 2009 auf dasdenkfabrik.at:

bin seit 8tagen schwerst erkrankt.weiss net ob ichs schaff eure einladung zur beklebung anzunehmen.weiss net ob i ibahaupt je wida was schaff

Die meisten darauf folgenden Kommentare haben jedoch wieder gezeigt, dass es nach wie vor Menschen gibt, die dem Zettelpoeten einige Bedeutung beimessen und ihn unterstützen wollen. Sei es durch aufmunternde Worte oder eine kleine Spende.



Artikel erstellt am 12.05.2009 um 14:48 Uhr // 286 Views





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7 Kommentare zu diesem Beitrag


Krass...! Super Artikel Danke für die PROBS
12.05.2009 um 16:32

wau .......nun hat seetaler direkt beim westbahnhof-ersatzbahnhofs-eingang dutzende seiner texte in großer schrift auf die bauwand geschrieben.......manchmal steht er auch dort und schreibt neues........hat er uns erzählt....... meist sogar friedlich und von amtichen und privaten antikunstexperten in ruh gelassen....................urviele sehen und lesen das----- aber er hat große not und kein geld für neue stifte kopien und klebebänder ...... ermöglicht es ihm... psk 7 975 059..... oder einen 5er in ein kuvert und abschicken an seine adresse 12oo wien wasnerg.43-8 helmut seethaler tel 33o 37 01
17.06.2009 um 20:03  

wenn ihr wiener wissen wollt, wo euer zettelpoet helmut seethaler ist....in berlin in berlin ...dort gehört es besser hin als nach wien . das wien machte ihn nur hin...bin auch ei der seit 1o jahren in berlin lebtn exwiener und war hocherstaunt und hocherfreut, helmut seethaler s zettelspuren an vielen stellen meiner 2.heimatstadt zu entdecken und dann sah ich ihn heut selber.wirkt ziemlich gebrochen und verarmt und krank und will nach wien zurück hat aber kein geld für die retourkarte. mal sehen, obwohl ich glaub daß wien ihn noch mehr und engültiger zertsört werd ich ihm morgen das geld für die retourkarte geben...wenn er mir und meinen freunden verspricht bald wieder in berlin zu sein. wenn er wien überhaupt noch länger überlebt...
02.09.2009 um 21:05  

nehmt ihn doch wieder zurück euren zettelthaler oder wie auch immer der typ heißt, berlin is schon voll mit beschmierungen und chaospickerln aller art,jagut er ist ein poet,er ist der einzige, der wirklich inhalt hat von allen weltweiten strassenkünstlern, aber er nervt trotzdem,man will wirklich einfach nicht dauernd auf der strasse daran erinnert werden auf all die dinge, die wir mit noch mehr dingen zu verdrängen versuchen
09.09.2009 um 21:04  

der letzte satz war übrigens ein zitat von eurem zetteldichter selber. jetzt hab ich nachgelesen, wie er heißt.helmut seethaler.hat auch eine gute homepage. www.hoffnung.at aber der passt wirklich besser zu euch nach wien.bitte zahlt ihm die retourkarte und ab nach wien mit ihm.
09.09.2009 um 21:08  

nun hab ich ihn gegoogelt den wiener zettelpoeten........ach.das wusste ich nicht.der ist ja weltweit bekannt.in sovielen zeitungen und anderen medien. auch bei uns in berlin stand schon oft etwas in zeitungen von seinen aktionen.jetzt seh ich das ein wenig anders...aber was will er wirklich außerhalb seiner heimatstadt? holt ihn bitte. sonst bricht auch bei uns das amtliche chaos aus. auch wenn er bei uns noch nie angezeigt und bestraft wurde. seit einiger zeit sind unsere behörden ganz scharf auf jede beklebung und beschmutzung des öffentlichen raums.und grundsätzlich ist es das ja. auch wenn es mitunter wirkliche literatur ist......aber am falschen platz.wie ich finde und auch die meisten meiner freunde wundern sich, wie lange er das schon durchsteht
09.09.2009 um 21:22  

Gerade wieder entdeckt - immer noch top.
21.12.2010 um 23:07