Zetteldichter und Exhibitionisten
Gedankensprung: Vor einer Woche masturbierte ein Fremder vor meinem Zimmerfenster im Studentenheim, eine Woche zuvor einige Zimmer weiter. Ein Anruf beim Notruf der Polizei hatte keinerlei Folgen, ich musste Tags darauf selbst zur Wache gehen. Seltsam?
Ich finde ja. Warum ich von Helmut Seethaler auf diesen Vorfall komme? Ganz einfach: die Verbindung Polizei, Justiz, Verbrechen. Frage: Wem schadet Seethaler mit seinen Gedichten? Warum werden hier Anzeigen aufgenommen? Der Dichter beschreibt nur temporäre Baustellenflächen, diese nur mir abwaschbaren Stiften und seine Gedichte kleben an Tixostreifen (logischerweise mit der Klebeseite nach vorne). Von wirklichem Schaden kann hier keine Rede sein. Jedenfalls überwiegt der Nutzen deutlich. Darüberhinaus wurde von zahlreichen Richtern Seethalers Arbeit als Kunst und somit als schützenswert erachtet. Das hält scheinbar trotzdem niemanden auf, den Dichter mit mittlerweile über 3000 Anzeigen zu überhäufen, denen die Polizei offensichtlich mit Freuden nachgeht.
Andere Frage: Wenn ein Mensch in meinen persönlichen Lebensbereich eindringt, mich demütigt und einer Hilflosigkeit aussetzt, mich für seine gestörte Sexualität benutzt, könnte man doch davon ausgehen, dass die Polizei hier handelt? Falsch gedacht. Am Abend der Tat wartete ich vergeblich auf Beamte, wurde immer wütender und verständnisloser und nahm schließlich am nächsten Tag die Sache selbst in die Hand, indem ich zum nächsten Wachzimmer ging und mich beschwerte. Die Antwort des Diensthabenden: Wird scho a Streifn vorbeigfoahn sein. Großartig. Erst nachdem ich mich auch damit nicht zufrieden gab, bequemte man sich dazu, eine Kollegin zu rufen, die dann eine Aussage aufnahm. Das war vor einer Woche und obwohl ich ausdrücklich angab, dass es jemanden gibt, der den Mann beschreiben kann, hat man bis heute keinen Kontakt zu mir aufgenommen. Scheinbar ist sexuelle Belästigung noch immer ein Delikt, das kaum ernst genommen wird.
Herr Seethaler, vielleicht könnten Sie mal Gedichte an mein Fenster kleben, eventuell hab ich dann mehr Chancen auf Einsatz der Polizei?!
Ich möchte hier KEINESFALLS einen Vergleich ziehen, sondern äußere nur meine Gedanken zu einem teilweise versagenden Rechtssystem.
Hinzu kommt noch, dass kleinbürgerliche, gelangweilte Menschen scheinbar nichts Besseres zu tun haben als unbedeutende Missstände zur Anzeige zu bringen. Heute erst erlebt: Vor meinem Studentenheim befinden sich Blumenkästen, die dieses Wochenende mit kleinen Schnapsflaschen gefüllt wurden. Zugegeben, muss natürlich nicht sein. Ein Rentner fühlte sich aber heute verpflichtet den Tatort plus das Schild des Studentenheimes zu fotografieren, wahrscheinlich in der Absicht damit zur Polizei zu gehen. Ich würde mich wahrscheinlich zu einem unkontrollierten Lachanfall hinreißen lassen, sollte die Polizei deswegen auftauchen, ein Mann der mehrmals vor Zimmern von Frauen masturbiert wird hingegen ignoriert.
Helmut Seethaler ist nach über 30 Jahren Kampf gegen diese Menschen scheinbar etwas müde.Kommentar von Seethaler am 27. April 2009 auf dasdenkfabrik.at:
bin seit 8tagen schwerst erkrankt.weiss net ob ichs schaff eure einladung zur beklebung anzunehmen.weiss net ob i ibahaupt je wida was schaff
Die meisten darauf folgenden Kommentare haben jedoch wieder gezeigt, dass es nach wie vor Menschen gibt, die dem Zettelpoeten einige Bedeutung beimessen und ihn unterstützen wollen. Sei es durch aufmunternde Worte oder eine kleine Spende.
Artikel erstellt am 12.05.2009 um 14:48 Uhr // 286 Views
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