Dass Familienväter im Beisein ihrer Mensch gewordenen Lendenkraft immer im Recht sind, auch, wenn sie mit ihrem schrullig anmutenden Familienfahrrad Fußgänger anfahren, die Straße und Radweg bei Grün überqueren, MUSS eigentlich klar sein. Dass gebürtige Wiener gegenüber „scheiß g'scherten Provinzlern“ sowieso allumfassende Vorrechte genießen, MUSS ebenso klar sein. Dass die Gegend um den Wiener Schwedenplatz schon so manchen Konflikt erleben durfte, das IST klar. Irgendetwas unklar? „Na oiso, dann schleichts eich Ham es scheiß Provinzler (und sowieso olle, die do nix zum suachn hobn)“
Es gibt Situationen, die will man im Anschluss sofort vergessen. Situationen, die einen knallhart aus der schummrigen sonntäglichen Kopfkinorealität reißen. Situationen, die keine Gnade und vor allem keine Vernunft kennen. Sie kommen unerwartet. Sie ziehen einem den flauschigen Wochenendboden unter den Füßen weg. Sie verderben einem die Vorfreude auf Public Viewing mit Freunden, die durch eine überfüllte Strandbar Herman ohnehin schon leicht getrübt ist, weil die Suche nach Alternativen so kurz vor dem Anstoß von Mexico-Argentinien durchaus ein Stressfaktor ist. Und dann wird die Locationsuche zum Alptraum, weil genau in dem Moment, die „soziale Unsituation von Überhaupt“ eintritt: Man überquert zu Fuß einen Fahrstreifen des Franz-Josefs-Kai bei Grün mit dem Ziel Verkehrsinsel zwischen den Fahrstreifen, während auch ein gestresster Vater sein voll besetztes Familienfahrrad gerade noch vor dem Grün für die auf der Aspernbrücke wartenden Autos in Richtung Verkehrsinsel lenkt. Die bereits warnend aufheulenden Motoren im Nacken, muss dieser die allein SEINER Kompetenz und Verantwortung unterworfene Restfamilie natürlich vor den im Losfahren befindlichen Kraftfahrzeugen retten, schließlich ist er das unumstrittene Oberhaupt.
Als Fußgänger, obgleich mit Vorrang nach gültigem Recht, hat man dies vorauszusehen und Grün ist sowieso keine Garantie für ein kollisionsloses Überqueren. Kommt man dabei dem gereizten und abgekämpften Familienspaßfahrradpapa in die Quere, so ist klar, dass der Stärkere gewinnt - und das Mehrpersonenfahrrad ist stark. Dumm ist, wenn man sich dann auch noch dazu hinreißen lässt zu sagen „Hast eh recht, fia mi zam Gschissener“. Eine solche Wortwahl ist nämlich wahrlich dumm und das steht ohne jeden Zynismus außer Frage. Man hätte um Rücksicht bitten können, sich überhaupt weniger offensiv artikulieren. Trotz Schrecken und Unverständnis und trotz Überraschungseffekt, den es ja eigentlich gar nicht geben dürfte, da man an jeder ampelgeregelten Kreuzung mit einem vor Autos fliehenden Familienfahrrad zu rechnen hat, hätte man sich zu so einem Sager nicht hinreißen lassen dürfen. Schon gar nicht darf man das, wenn einer am Sonntag „mit da Famülie“ durch die Stadt radelt und sich schweißnass strampelt und dann nach einem riskanten Manöver, das seinen Herzschlag schon auf eine ungesunde Frequenz erhöht hat, mit einem Fußgänger kollidiert, der man ist, aber eben besser nicht hätte sein sollen. Und, wenn man dann noch so grunddumm ist und die Erklärung „DU muasst aufpassen, i bin mit da Famülie do“ mit einem „des is do jetzt owa scheißegal“ zerschmettert, dann wird es richtig unangenehm. Weil die „Famülie“ aber auch nicht scheißegal ist, und, wenn die „Famülie“ einen von der Verkehrsinsel auf die Fahrbahn vor einen Lastwagen bugsiert hätte, dann wäre das eben ein Pech gewesen, weil die „Famülie“ wichtiger ist als ein Einzelner - vor allem die eigene - und das würde dann auch jeder Richterder Welt verstehen - ob das zum Lenken und Denken verpflichtete „Famülienoberhaupt“ die „Famülie“ und einen Unbeteiligten durch fahrlässiges Handeln gefährdet hat oder nicht, stünde auch gar nicht zur Debatte.
Scheißegal ist nämlich in der Situation nur man selbst als einzelner Fußgänger. Dass man im Schreck etwas ungehalten reagiert, liegt nicht an der Situation, sondern ausschließlich daran, dass man keine Manieren hat und das ist somit wiederum gar nicht scheißegal . Weil vor den Kindern kann man nicht einfach sagen, dass ihr Beisein vor dem Hintergrund missachteter aber dennoch existenter Regeln scheißegal ist, weil „vor de Kinder kann ma afoch ned so redn“. Und wenn man sich dann, irritiert von der geballten Aggression des Familienfahrradoberhaupts („Hoit de Pappn und schleich di G'scherter“), auch noch mit nichts Besserem zu helfen weiß, als einem trotzigen „geh scheißn heast“, das noch dazu eindeutig nicht im einzig wahren und somit alleinig existenzberechtigten deutschen Dialekt, dem wienerischen, daherkommt, dann ist eh „ollas kloa“: Man ist ein „G'scherter“, und zwar ein „g'scherter Provinzler“, an den zuerst - natürlich hat das Beisein der Kinder nun keine Bedeutung mehr - einmal die Frage gerichtet werden muss, ob er ihm „eine in die Goschn hau'n soll“. Fragen muss er einen schon, weil er als Wiener im Gegensatz zu den „G'scherten“ ja auch Manieren hat. Die Antwort „wenn ihna danoch is“, disqualifiziert einen dann aber auch endgültig. Nach so einem Untergriff kann man sich nämlich sowieso gleich „hamschleichn“, weil „des brauch ma do ned“. Kontert man dann mit der Wiener Arroganz, hagelt es noch eine Lehrstunde zur Wiener Identität, weil die Arroganz gibt es nämlich nur „weu ihr Provinzler olle so g'schert sats.“ Tja, wieder was gelernt.
Ein Glück aber auch, dass man dann immerhin doch ein „g'scherter Provinzler“ ist und kein Nicht-Österreicher, weil sonst wäre es nämlich für die mit offenem Mund beobachtenden Umherstehenden richtig hässlich geworden, weil dann wäre vermutlich die Kanacken- oder Negerkeule ausgepackt worden, je nachdem woher man dann eben vermutet wird, und das wäre dann schon blöd gewesen, weil dann wäre das nämlich eine „österreichische Situation“ gewesen und keine „wienerische“. Das ist dann aber auch irgendwie wieder egal. Es geht ja vordergründig um das Beisein der „Famülie“, weil „das is do jetzt owa scheißegal“ kann man vor den Kindern einfach nicht bringen. Die Kinder dürfen nicht so verdorben werden von den „G'scherten“. Der Papa kann ihnen ja „eh“ die Welt erklären und was einer wert ist, wenn er von woanders kommt als der Papa. Wenn der Papa irgendetwas einmal nicht weiß, dann können sie immer noch die „Kronen Zeitung“ zu Rate ziehen, und wenn der Papa einen seltenen toleranten Moment hat und die Tatsache ausblendet, dass es das Werk der Piefke ist, können sie zur Not ja auch mal bei Galileo reinschauen. Aber der Papa weiß eh Nichts nicht, weil der Papa ja kein „G'scherter“ ist, sondern ein Wiener, der er ja gar nicht sein könnte, wenn er nicht alles wüsste. Und für seinen völlig gerechtfertigten Gefühlsausbruch inklusive der Androhung körperlicher Gewalt kann der Papa sowieso nichts, erstens, weil er „Famülienvater“ und kein „G'scherter“ sondern Wiener ist, und somit ohnehin zu jeglicher Handlung bevollmächtigt, und zweitens, weil der Papa ja auch ein bisschen Angst um die „Famülie“ hat, weil echte Wiener ja auch nicht untergehen dürfen, und schon gar nicht unter die Räder kommen, auch nicht wegen Eigenverschulden, da muss sich dann schon einer opfern und das ausbaden, am besten ein „G'scherter“. Angst darf der Papa, obwohl er Wiener ist, schon haben, aber nur, wenn es um die „Famülie“ geht, die Bedrohungen wie irrwitziger Weise bei Grün wegfahren wollenden Autos und „G'scherten“ ausgesetzt ist.
Aus Angst um Wesentliches wie Familie, Arbeitsplatz und Zukunft da darf man dann nämlich schon einmal untergriffig werden. Und das tun dann ja auch viele Aufrechte und schon immer Dagewesene, indem sie gegen die Dahergekommenen wettern. Weil es sind schon jene die Privilegierten, die zuerst da waren. Das muss man schon verstehen, weil „first come, first serve“ ist nämlich die Mutter aller Regeln, die auch jegliche Logik ausschalten darf, weil echte Wiener und echte Österreicher (außer „g'scherte Provinzler“) sind nämlich derart kluge Herrenmenschen, dass sie „first come, first serve“ selbst und extra und NUR für SIE als Mutter aller Regeln in der Mutter aller Städte erfunden haben und auch nur für sie geltend machen können, aber das dafür immer und überall. Weil ein Österreicher (vorausgesetzt er kommt aus Wien) ist nämlich „first serve“ in Person, weil „Österreich zuerst“, und wenn er dann auch noch „a Famülie“ (im Schlepptau) hat, dann gibt es wegen „volle Unterstützung für Familien“ keine Zweifel mehr, dass ein jeder weniger Privilegierte sich sofort flach auf den Boden legen muss um leichter vom Familienfahrrad überrollt werden zu können oder in Demut zerfließen muss, wenn die Wiener Familie eben einanderes Service als das des widerstandslosen Überfahrens in Anspruch nehmen möchte. Warum thematisiert man das also überhaupt alles? Die seit ihrer Geburt ansässigen Bewohner der Hauptstadt im Hauptland brauchen keine Rechte, weil sie das Recht sind und das ist wiederum auch klar und somit obsolet zu erwähnen - vor allem braucht das nicht von einem „g'scherten Provinzler“ erwähnt werden, weil die sind ja sowieso alle selber schuld, dass sie sich nicht in Wien haben gebären lassen und somit die Wiener Arroganz auch gleich mit auf ihre Kappe geht. Untermensch begehr nicht auf, du hast den falschen Geburtsort gewählt und je weiter ein Geburtsort von Wien weg ist, desto falscher ist er nämlich, weil „Wien ist anders“ und „Wien nur für die Wiener“ und weil Wien auch das „Daham“ von allen Ehrenbürgern ist, muss sowieso die unumstrittene Devise gelten: „Daham statt Provinz“ und „Daham statt Islam“ schon überhaupt. Und die Wiener Ehrenbürger sind ja auch eine große „Famülie“ und, wenn man dann mit der „Famülie“ da ist, dann darf man auch gleich wieder alles und die Anderen nichts und das „Daham“ gehört denen auch gar nicht, weil es nur der „Famülie“ gehört und nicht den „G'scherten“, die sich besser wieder „hamschleichn“. Und, wenn ein Wiener einmal den Fehler macht und die „Famülie“ einer unnötigen Gefahr aussetzt, wobei sich Fehler und Wiener „eh“ ausschließen, dann ist er nicht Schuld sondern das Opfer der „G'scherten“, die sich seiner Immunität nicht bewusst sind, weil eine Gefahr gäbe es ja gar nicht ohne jene, die daherkommen und „Daham“ nicht kennen, weil sie eben nicht hier „daham“ sind und sich besser wieder „ham“ nach „Nicht-Daham“ „schleichn“.
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Artikel erstellt am 29.06.2010 um 13:57 Uhr 2403 Views, 1 Kommentare, 0 mal in den Favoriten
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