„Während du lebst, wartest du vergeblich“

photo_HURT_plakat

Am 11. und 12. April ging das Österreich-Gastspiel des Stückes HURT von der mexikanischen Theatergruppe Aztikeria Teatro mit zwei Vorstellungen in Wien zu Ende. Ein Fazit in aller Kürze: gerne wieder, gerne mehr, gerne öfter.

Letzten Endes war es einer jener seltenen Aha-Momente, die einen mit großer Überraschung zurücklassen: als man es nach der Aufführung von HURT (Text und Regie: Roberto Espinosa, Lorena de la Parra) endlich schaffte, der Hauptdarstellerin Melanie Borgez für ihre Performance zu gratulieren, stand man plötzlich einer zierlichen Person mit sanftem Händedruck gegenüber, die fast zwei Köpfe kleiner war als man selbst. Noch kurz zuvor hatte man den Eindruck, auf der Bühne stünde ein überlebensgroßer Mensch, gleich einem Brennpunkt des seelischen Chaosmos, mal voll lauter Kraft und sinnlichem Stolz, mal getrieben von Schmerz, Wut und Selbsthass, dabei immer von massiver Präsenz, die den Zuschauerraum mitunter beengter wirken ließ, als er ohnehin schon war.

20150412_HURT_print_NikoHavranek-13
© Niko Havranek

Ein Effekt, der durchaus im Sinne des Stückes war, handelte es sich bei dieser einstündigen Monolog-Performance doch um nichts anderes als die radikale Konfrontation mit inneren Widersprüchen und psychischen Abspaltungen. Während ihrer gesamten Dauer lag eine latente Ambivalenz zwischen Wunsch und Sein, Verachtung und Liebe, Anfeindung und Aussöhnung in der Luft, und das immer wieder auf das eigene Ich bezogen. Das fing an bei Veronica, dem von einer Barbie-Puppe verkörperten Wunsch-Alter-Ego der Solo-Figur Melanie, und setzte sich fort in einer geradezu schamlosen Interaktion mit dem Publikum, etwa als dieses aufgefordert wurde, die Brüste der Hauptdarstellerin anzufassen, nur um dann wiederum als kollektiver Perversling düpiert zu werden. Entlang solcher Verwerfungen wurde das zermürbende und aufreibende Moment gesellschaftspolitisch, industriell, kulturell und medial oktroyierter Schönheits- und Verhaltensideale radikal – ganz im Sinne der Devise „am eigenen Leib erfahren“ – und pointiert offengelegt. Die Puppe Veronica stellte dementsprechend nicht eine bloße Projektionsfläche für den Traum vom perfekten Körper für die perfekte Lust des perfekten Mannes dar. Da sie als Puppe von Hand bewegt werden musste – was mit außerordentlichem gestischem Feingefühl geschah -, blieb ihr Erscheinungsbild im wesentlichen das einer Marionette. Ihr Charakter verkam zum Verschnitt aus It-Girl, Prinzessin und Ballerina, drei prototypischen Auswüchsen eines wahnhaften Idealisierungszwangs, die deutlich zu erkennen gaben, wie wenig eine Definition von Schönheit mit Mensch-Sein zu tun hat. Wie schwer diese Zwänge wiegen können, wurde immer wieder in mehr oder weniger furiosen Ausscherern offenbar, in denen Veronica ihrer selbst-verblenderischen Umkehr von äußeren Anforderungen in eigene Ansprüche an sich selbst nicht mehr gerecht werden konnte.

20150412_HURT_print_NikoHavranek-31
© Niko Havranek

Dem gegenüber stand Melanies Aufzählung jener Beschimpfungen und Beleidigungen, mit denen sie in der Schule und ihrem Heimatort bedacht wurde – vorgetragen mit einer so mitreißend zwischen Empörung, Schmerz, Wut und Trotz changierenden Mimik, dass man den Eindruck hatte, die ohnehin hauchdünne Grenze zwischen Melanie und Melanie Borgez sei endgültig verschwunden (zweifelsohne hat die Schauspielerin eigene Erfahrungen und Erlebnisse in die Gestaltung ihrer Figur eingebracht). Seine volle Tragweite allerdings entfaltete dieses Spannungsfeld erst in der zweiten Hälfte des Stücks, im Kontext einer schmerzhaften Trennung. Denn es braucht meistens einen zweiten Menschen, der einem ein Bein schenkt, bevor man selbst tatsächlich auf seinen eigenen beiden stehen kann – und der einem beim Verlassen den Boden entzieht, auf den zu stehen man diese Beine so lange trainiert hat. So stellt die Fressattacke, in der sich Melanie einem Sack Chips hingibt, der beinahe so groß ist wie sie selbst, nicht nur eine Reaktion auf ihre Kindheit und Jugend, als sie wegen ihrem dünnen Körper und der fehlenden Proportion ihrer Rundungen gedemütigt wurde, sondern auch das Ergebnis der destruktiven Selbstdisziplin, Verdrängung, Unterdrückung und im schlimmsten Fall der emotionalen Selbstverstümmelung in jener Phase einer zwischenmenschlichen Beziehung dar, in der diese mit zunehmender Vehemenz nicht mehr die richtige zu sein beginnt.

20150412_HURT_web_NikoHavranek-83

20150412_HURT_web_NikoHavranek-93
© Niko Havranek

Metaphorisch kommentiert wird dies mit einem ergreifenden Passus über ein gemeinsames Haus, das von Skorpionen bevölkert wird: er bezeichnet den Punkt, an dem Menschen sich untereinander zum Gift werden können. Was bleibt ist eine Wunde, aus der die alten, überwunden geglaubten Unzulänglichkeiten und Projektionsflächen wieder hervorbrechen, die den restlichen Lebensweg als langen und einsamen erscheinen lassen. Das Unerträgliche an diesem Zustand des Gefangen-Seins zwischen Ängsten und Dämonen und der Sehnsucht nach Etwas, das alles wieder bereinigt, fängt Melanie in einem Satz ein, der paradigmatisch für das ganze Stück steht: „Pero mientras vives esperas en vano / Aber während du lebst, wartest du vergeblich“. An der Tatsache, dass sich Melanie in diesem Kontext ausgerechnet mit ihrem mittlerweile in Video-Inserts tatsächlich zur (doppeldeutig zu lesenden) „Puppe“ eines machistischen Ken degradierten Alter Ego Veronica selbst befriedigt – ob des holprig-stockenden Vibratoren-Sounds eine der lustigsten Szenen des Stücks -, hätte Sigmund Freud wohl seine Freude gehabt.

20150412_HURT_print_NikoHavranek-50

20150412_HURT_web_NikoHavranek-58
© Niko Havranek

An dieser inhaltlichen und performativen Konsequenz erkennt man schließlich das Risiko, das Aztikeria Teatro mit diesem Stück eingegangen ist. Denn all dies muss man im Lichte der zusätzlichen Facette betrachten, dass Mexiko außerhalb seiner Hauptstadt ein oft von Konservatismus und Machismus geprägtes Land ist, das mit solch einer Performance zu konfrontieren einiges an Mut und mitunter skurriler Anpassungsfähigkeit erfordert. Wie genau etwa die Zensierung einer live auf der Bühne gespielten Masturbationsszene von Statten gehen soll, bleibt ein Rätsel. Die bloße Vorstellung davon gibt wiederum diese Empörung eines prüden Gesellschaftsapparates seiner eigenen Lächerlichkeit preis.

Man sollte daher für dieses Österreich-Gastspiel dankbar sein. Auch deswegen, weil es sich noch nicht um ein etabliertes Ensemble handelt, sondern um eine junge Theatergruppe, die 2010 aus der Regieklasse auf der renommierten Universidad Nacional Autónoma de Méxiko (UNAM) hervorgegangen ist. Es ist ein kleiner, spannender Einblick in aktuelles mexikanisches Theatergeschehen, dem man für die Zukunft nur mehr Raum wünschen kann. Man muss an dieser Stelle zwar das Engagement der beteiligten Spielstätten Tabakfabrik, Freies Theater Innsbruck, Café 7*Stern und Fania loben, aber als Theatertruppe gerade in Wien auf Mehrzweckräume angewiesen zu sein, wo man wegen eines am selben Tag stattfindenden Flohmarktes erst eineinhalb Stunden vor dem Stück mit dem Aufbau beginnen und daher die Video-Inserts nicht mehr an den Hintergrund der Spielstätte anpassen kann, oder wo während der Aufführung die U-Bahn über den Köpfen rattert, ist aus kulturpolitischer und förderungstechnischer Sicht ein Armutszeugnis. Basta.

Veröffentlicht von

herrsebastian.at

Philosophisch geprägter Theater-, Film- und Medienwissenschafter mit Skills in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Administration und Kommunikation, sowie leidenschaftlicher Autor, der sein Talent auch mal zu Geld macht.

Schreibe einen Kommentar