Vergil und der somalische Nomade


Die politisch extreme Rechte erinnert mich immer mehr an die göttliche Komödie. Nicht weil sie besonders komisch wäre (obwohl, manchmal doch), sondern weil sie daran arbeitet die neun Höllenkreise umzudichten.

Ein intellektuelles Problem mussten sie dazu lösen. Die Hölle ist nämlich obsolet geworden. Der Gedanke an das Leben nach dem Tod erfreut sich weder in seiner himmlischen, noch seiner höllischen Ausprägung der Beliebtheit früherer Tage. Folglich sucht man lieber nach anderen Opiaten, die man unter das Volk bringen kann. Da bleibt ohne ein Leben nach dem Tod, nur noch das Leben selbst. Die Hölle ist tot. Lang lebe das Leben!

Aber stellen wir doch zuerst ein paar Überlegungen an. Beginnen wir ganz am Anfang. Am Beginn steht die Geburt. (Dies gilt freilich nur unter Außerachtlassung der Zeugung. Aber wir wollen es ja nicht zu kompliziert machen.) Der entscheidende Augenblick unseres Lebens. Nicht nur weil es unser erster an der frischen Luft ist, sondern auch weil mit ihm bereits unser gesamtes weiteres Leben vorherbestimmt ist.

Haben wir Glück, kommen wir als weißer, christlicher Mann, in einer der westlichen Industrienationen auf die Welt. Das ganze dann bitte noch irgendwann nach 1945 und einem glücklichen Leben steht nichts im Weg.

Weniger Glück können wir für uns verzeichnen, wenn der blöde, blöde Zufall es will und unsere Eltern somalische Nomaden sind. Im noch besseren Fall kommen wir als Mann auf die Welt. Dann ist man zwar schwarz, muslimisch und ganz und gar nichtwestlich, aber immerhin noch Mann.

Sollten wir als Frau auf die Welt kommen, ist unser Unglück perfekt. Schwarz, muslimisch, ostafrikanisch und noch dazu Frau? Schrecklich. Nicht einmal der eigenen Familie können wir erklären, dass Genitalverstümmelung böse ist. Wir wissen es ja nicht einmal selbst. Waris Dirie kennen wir nicht. Woher auch?

Ein ähnlich tragisches Schicksal ereilte den Dichter Vergil. Für ihn kam das böse Erwachen aber erst nach dem Tod und nicht schon bei der Geburt. Vergil, weiß, männlich, Europäer und aristokratischer Römer noch dazu. Nicht schlecht soweit. Einen unglaublich dummen Fehler hat der Mann aber doch begangen. Er starb 19 v. Chr. und wurde somit nicht von einem Standesvertreter der christlichen Kirche getauft. Zu seiner Verteidigung lässt sich sagen, dass er keine große Wahl hatte. Auch wenn er einen christlichen Kleriker hätte suchen wollen, fündig wäre er nicht geworden. Der erste Christ, und somit der erste rechtschaffene Mensch, pardon, Sohn Gottes, pardon Gott selbst, pardon, was weiß ich - die Trinitätslehre ist aber auch zu kompliziert - war noch nicht geboren. Logische Konsequenz: Der Platz in der Vorhölle war Vergil sicher. Für mich stellt sich an dieser Stelle zwar immer die Frage, wo er sein jenseitiges Leben bis zur Kopfgeburt der Hölle verbracht hat, aber das ist eine andere Geschichte. Letztlich bleibt uns nur die Vermutung ob Vergils Reaktion, nachdem er Charon zwei Münzen in die Hand gedrückt hatte, der Fährmann den Stix querte und Vergil partout nicht im Elysium absetzten wollte. Überliefert ist hierzu nichts, jedoch erscheint derlei sehr naheliegend: "Ich wollte ja wirklich an Jesus glauben, aber leider war er noch nicht geboren als ich starb."

So unterschiedlich die Schicksale von Vergil und einem somalischen Nomaden auch sein mögen, sie haben eines gemeinsam. Vieles richtig gemacht, aber leider nicht alles. Dumme, dumme Geburt. Eine Sammelklage gegen die Eltern von nicht weißen, nicht christlichen, nicht westlich geprägten Männern und Frauen läuft bereits. Ob das Urteil die gesellschaftliche wie christliche Vorhölle leerräumt, bleibt abzuwarten, erscheint ob der politischen und klerikalen Opposition aber als eher unrealistisch. 

Sollte jemand Absolution für Vergil, oder den somalischen Nomaden fordern wollen, kann er dies bei der dafür zuständigen Behörde tun.

Ad Vergil:
Erzdiözese Wien
Stephansplatz 4/IV/DG
1010 Wien

Ad Nomade:
FPÖ - Parteizentrale
Friedrich Schmidt-Platz 4 
1080 Wien

Bitte richten sie ihre Beschwerde schriftlich ein, oder werden sie persönlich vorstellig. Letzteres ist lieber gesehen. Etwaige Verbalentgleisungen der sich in den Büros befindlichen Mitarbeiter rühren nur von hoher Sympathie ihnen gegenüber her.

Weiterführende Informationen zu der hier vorgebrachten Thematik, finden sie auf Puls 4 und bei Frau Elvyra Geyer. Die Dame hat einiges an Expertise vorzuweisen. 
Quod erat demonstrandum: Theorie der Schönheit


Artikel erstellt am 18.01.2011 um 14:06 Uhr // 3187 Views





SHARE