Renate Billensteiner: Die Beständigkeit des Seriellen

Am Anfang von Renate Billensteiners künstlerischer Laufbahn stand die Auseinandersetzung mit Malerei, Zeichnung und Kalligraphie. Dass sie irgendwann einmal bei der Fotografie landen würde, ist aus heutiger Sicht nicht verwunderlich: gerade Zeichnung und Kalligraphie sind entscheidend durch die Wiederholung geprägt. Von der Entdeckung und „Bewusstwerdung“ dieses Moments des Seriellen leben und erzählen ihre Fotografien bis heute.

Die Kunst des „schönen Schreibens“, wie man Kalligraphie ihrem griechischen Ursprung nach auch nennen könnte, ist eine ruhige, achtsame, fast meditative Form der verschriftlichten Sprache. Ihre Wurzeln in der japanischen Zen-Philosophie bzw. in der Kopie der Bibel im christlichen Mittelalter zeigen allerdings, dass sie auch eine Kunst der Wiederholung, oder besser: der steten Wiederaufnahme ist. Die Perfektion ihrer Ausführung bedarf jahrelanger Übung, die Beherrschung dieser Perfektion bedarf ebenso viel an Selbstbeherrschung. Die Kalligraphie kann man somit auch als eine Kunst der tieferen Erkenntnis durch eine Beständigkeit im Seriellen betrachten.

Ebenso ist das Zeichnen selten ein einmaliger Prozess, sondern ein wiederkehrender. Aktserien und Vorstudien für große Ölbilder sind da nur die bekanntesten Beispiele. Renate Billensteiner hat sich in ihrer Zeit auf der Linzer Kunstuniversität, wo sie Unterricht bei Dietmar Brehm und Makoto Miura nahm, eingehend mit solchen Prozessen beschäftigt. Zu dieser Zeit hat sie zwar auch schon fotografiert. Ihre erste intensive Auseinandersetzung mit diesem Medium begann allerdings erst mit der Bekanntschaft zu den beiden Fotografen Reinhard Winkler und Godehard Erichlandwehr, bei dem sie schließlich drei Jahre lang studieren sollte. Durch ihn lernte sie, die Fotografie neu zu sehen. Man könnte vielleicht auch sagen, sie lernte die Fotografie so zu sehen, wie sie eigentlich ist: in Serienform. Während ihrer Zeit als Schülerin von Erichlandwehr eignete sie sich jenes Anders-Sprechen über die Fotografie, jene andere Herangehensweise an sie an, die ihre Bilder seitdem auszeichnet. Einen entscheidenden Einblick in diese Herangehensweise bekommt man als Betrachter und Rezipient ihrer Arbeit vor allem dann, wenn man um Renate Billensteiners künstlerische Vergangenheit weiß.

Denn viele ihrer Fotografien zeichnen sich durch eine gewisse Beherrschtheit aus, eine Art kontrollierter Strukturalität. Sie lässt die Bilder aber nicht in den ästhetischen Leerlauf des Statischen, der austauschbaren Konstruktion entgleiten, sondern bewahrt sich stets die Freiheit des experimentellen Blicks, der mit der Suche nach leise schwelenden Spannungen oder dem bewussten Setzen von Dissonanzen die Strukturen ihrer Bildmotive fordert und so das Moment potenzieller Veränderung und Gestaltung im Seriellen erforscht.

Das Serielle, gilt es zu bedenken, ist nämlich keine Wiederholung im Sinne des immer Gleichen. Es mag in unserem Alltag vor allem seit dem Beginn des Industriezeitalters und der damit einher gehenden Massenproduktion von Waren und Bildern zwar so erscheinen, diese Sichtweise blendet aber aus, dass die Wirkung eines jeden massenhaft erzeugten Gegenstands vom jeweils individuellen Gebrauch der einzelnen Benutzer und Rezipienten abhängt – diese Wirkung kann also in hohem Maße unterschiedlich ausfallen und sich in jedem einzelnen Fall anders entfalten. Bei der seriellen Fotografie ist das nicht anders. Renate Billensteiner nutzt diese Diskrepanz vor allem dazu, um abstrakte Bedeutungen und Sichtweisen durch serielle, beständig sich erneuernde Perspektivenverschiebungen visuell greifbar zu machen. In einer ihrer frühesten Serien, FragmentAsten (2010), wird dieses Gestaltungsprinzip besonders deutlich.

Serie FragmentAsten von Billensteiner RenateAus der Serie „FragmentAsten“

aus der Serie FragmentAsten von Renate Billensteiner.Aus der Serie „FragmentAsten“

Asten ist ein kleiner Linzer Vorort, den man, wenn man nicht selbst dort lebt und keine persönlichen oder beruflichen Verbindungen zu diesem Ort hat, mitunter nur wegen der dort befindlichen Kläranlage und dem einzigen von der vorbeiführenden Autobahn ersichtlichen Ortsteil, einer Siedlung aus mehrgeschossigen Wohnsilos, kennt. Oft mag so ein Ort als Inbegriff einer landschaftlich und architektonisch nicht besonders ansehnlichen oder überaus lebenswerten Vorort-Gemeinde gelten. Auf den zweiten Blick zeichnet diese Ortschaften aber eine innere Dynamik und Angespanntheit zwischen leicht ergrauten, sozial manchmal kurz vor dem Kippen befindlichen Wohnbauprojekten, parzellierten Ansammlungen von Einfamilienhäusern und einem historischen Kern aus alten dörflich-bäuerlichen Strukturen aus. Renate Billensteiners Serie über Asten gründet genau auf so einem zweiten Blick. Irgendwann fielen ihr plötzlich die dort abgestellten unangemeldeten Autos auf – jenes Detail, die eine Gemeinde wie diese auf einmal so eigentümlich erscheinen lassen. Die Bilder ihrer Serie „FragmentAsten“ sind nichts anderes als eine ständige Wiederholung, Erforschung, Ergründung und immer wieder veränderte und neu erprobte Kontextualisierung dieses „zweiten Blicks“. Anders gesagt: ein Nachspüren des Gefühls, dass hier eine Geschichte – im Sinne sowohl des Erzählens von Geschichten, als auch des Schreibens von Geschichte durch dieses Erzählen – im Unscheinbaren verborgen liegt.

analoge Serie 'blindes Feld' von Renate Billensteiner-.Aus der Serie „blindes Feld“

analoge Serie 'blindes Feld' von Renate Billensteine--Aus der Serie „blindes Feld“

analoge Serie 'blindes Feld' von Renate Billensteiner.Aus der Serie „blindes Feld“

analoge Serie 'blindes Feld' von Renate BillensteinerAus der Serie „blindes Feld“

Auch das ist somit im Seriellen begründet: die Erzählung. Insofern sind Renate Billensteiners Fotoserien nicht als bloße Motivvariation, sondern vor allem auch als (erzählte, nicht geschriebene) Geschichte, als zusammenhängendes Ganzes, zu betrachten. Dieses Zusammenhängende, diese Kommunikation der Bilder untereinander wiederum gibt jeder einzelnen Fotografie ihre je individuelle Einzigartigkeit, ihre je eigene Bildsprache. Besonders auffällig ist dieses serielle Erzählprinzip etwa in ihrem 2013 mit dem Ingrid Steiniger Kulturförderpreis ausgezeichneten Projekt blindes Feld (2012/2013). Für diese Arbeit sprach sie Jugendliche im öffentlichen Raum an und bat sie, ein schnelles, analog fotografiertes Porträt von ihnen machen zu dürfen. Die Grundlage dieser Werkserie bildet paradoxerweise die Unwiederholbarkeit einer spontanen Abmachung und das an sich anti-serielle Moment einer einzelnen vereinbarten Analog-Fotografie. Das Ergebnis ist eine aus einzelnen Bildern zusammengesetzte Erzählung über die Vielschichtigkeit und den Facettenreichtum des abstrakten, schwer greifbaren und zur Vor-Beurteilung verleitenden Begriffs „Jugend“, die ihre Aussagekraft wiederum aus vielen Einzelgeschichten – den jeweils unterschiedlichen Geschichten des Zustandekommens der Bilder sowie den je eigenen Geschichten der Menschen, die in diesen Bildern zu sehen sind – bezieht. Dieses soziale und künstlerische Gestaltungsprinzip hat Renate Billensteiner über die Jahre in mehreren Serien – etwa in ihrer allerersten fotografischen Arbeit currently (2009) oder ihrer für GEA produzierten Plakatserie GE(H) A mit mir (2012/2013) – variiert und modifiziert.

GE A mit mir Waldviertler Werbeplakat von Renate Billensteiner-Aus der Plakatserie „GE(H) A mit mir“

GE A mit mir Waldviertler Werbeplakat von Renate Billensteiner,Aus der Plakatserie „GE(H) A mit mir“

GE A mit mir Waldviertler Werbeplakat von Renate BillensteinerAus der Plakatserie „GE(H) A mit mir“

In ihren späteren Serien, die in den letzten beiden Jahren entstanden sind – etwa binär oder ruhig steh ich auf meinem Fisch das ist eigentlich alles -, ist Renate Billensteiners Blick radikaler und konfrontativer geworden. Der ruhige, fast kontemplative Umgang mit architektonischen Spannungen oder der behutsame Aufbau erzählerischer Dynamiken durch die Wiederholung des Spontanen, sie sind hier zugunsten einer stärkeren Konstruiertheit und dissonanteren Raumkomposition in den Hintergrund getreten. Die Beherrschtheit und Strukturalität, die ihre Bilder charakterisieren, sind in diesen Serien expliziter sichtbar und haben einen ausgeprägteren experimentellen Bezug zu deren kulturgeschichtlichen und gesellschaftsethischen Motiven. Die Kunst der tieferen Erkenntnis durch serielle Beständigkeit, wie sie bereits in Bezug auf die Kalligraphie formuliert wurde, wird in diesen beiden Arbeiten auf exemplarische Weise auch als eine fotografische Kunst offenbar.

Die Serien „binär“ und „ruhig steh ich auf meinem Fisch das ist eigentlich alles“ werden in den kommenden Beiträgen des Artist Features separat präsentiert.

Vierter Teil des Artist Features: Christiana Althuber – „Vertikale Versatzstücke“

Sechster Teil des Artist Features: Renate Billensteiner – „ruhig steh ich auf meinem Fisch…“

Veröffentlicht von

herrsebastian.at

Philosophisch geprägter Theater-, Film- und Medienwissenschafter mit Skills in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Administration und Kommunikation, sowie leidenschaftlicher Autor, der sein Talent auch mal zu Geld macht.

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