Ohne Titel (Kritik zum originären Wissensbegriff)

[Dieser bisher unveröffentlichte Artikel nimmt Stellung zu umstrittenen Aussagen des Universitätsprofessors Dr. Franz Hörmann über den Holocaust und die Gaskammern, die Ende Jänner von der Tageszeitung DER STANDARD publik gemacht, allerdings durch einen Eintrag Dr. Hörmanns vom 27.01.2012 auf dessen Facebook-Profil mittlerweile revidiert wurden. Die in diesem Artikel vorgetragene kritische Analyse der strittigen Aussagen entstand am selben Tag, jedoch ohne Kenntnis eben jenes Eintrags. Es handelt sich beim vorliegenden Text daher um eine vergangene und nicht mehr aktuelle Momentaufnahme, dieser teilweise Verlust seiner Relevanz ist entsprechend zu berücksichtigen. Die nunmehrige Entscheidung, ihn dennoch zu veröffentlichen, wurde vor allem aufgrund der Tatsache getroffen, dass in der Vergangenheit immer wieder (gerade auch politische) Persönlichkeiten mit ähnlich argumentierten Aussagen zum Holocaust Stellung genommen bzw. diesen oder im Speziellen die Existenz von Gaskammern geleugnet und damit oft für mediale Aufregung gesorgt haben. Auch wenn Dr. Hörmanns Aussagen in einem womöglich unbedachten Moment gefallen sein mögen, und er sicherlich kein Holocaust-Leugner ist, so versteht sich dieser Artikel dennoch als Exempel dafür, wie und warum Personen, die nivellierend, verharmlosend oder leugnend zum Holocaust Stellung nehmen (vor allem, wenn diese Stellungnahmen ernst gemeint sind), in jedem Fall kritisch zu widersprechen ist. Aufgrund dessen, dass Dr. Hörmann trotz seiner Revidierung von der Wirtschaftsuniversität Wien suspendiert und gegen ihn Strafanzeige eingebracht worden ist, und dass die Berichterstattung über Dr. Hörmann an sich auch Kritik an dieser selbst ausgelöst hat, wurden die diesbezüglichen Textstellen entsprechend überarbeitet.] Dr. Franz Hörmann, Professor am Institut für Unternehmensrechnung der Wirtschaftsuniversität Wien, ist vor einigen Wochen wegen angeblich uneindeutiger Aussagen zum Holocaust in einem unveröffentlichten Interview kurzzeitig in den Blick der Journalisten der Tageszeitung DER STANDARD geraten. Aus dem Protokoll des Interviews, das in STANDPUNKTE, der Zeitschrift der Studienvertretung VWL an der WU erscheinen hätte sollen, wurde in der STANDARD-Ausgabe vom 26. Jänner 2012 etwa Folgendes zitiert: "Für den WU-Professor Franz Hörmann ist 'die Frage des Genozids zur Zeit des Nationalsozialismus nicht endgültig geklärt, weil es keine objektive und ideologiefreie Diskussion über diese Frage gab'. Er könne nicht sagen, ob es Gaskammern gab: 'Er (Hörmann, Anm.) habe keine Meinung zu Gaskammern.'" (Quelle: derstandard.at - siehe Webtipp "Bericht über Hörmann-Interview") Auf Nachfrage des Standard soll Hörmann laut Artikel ergänzt haben: "'Es macht keinen Sinn, aus heutiger Perspektive darüber zu reden (den Holocaust, Anm)', sagt Hörmann auf Nachfrage des STANDARD. 'Wie definieren Sie Objektivität? Alles, was wir haben, sind Gebäudereste, Fotos und Beschreibungen.'" "Es sei unnötig, über 'Details' zu streiten, wie genau oder wie viele Menschen ermordet wurden - 'es war auf jeden Fall ein Verbrechen, und ich lehne jede Form von Gewalt ab.'" (Quelle: derstandard.at - siehe Webtipp "Bericht über Hörmann-Interview") Nach diese Aussagen betreffenden Untersuchungen hat die Wirtschaftsuniversität Wien Dr. Hörmann mittlerweile suspendiert und Strafanzeige gegen ihn eingebracht. Zwischen den ersten Medienberichten und dieser Suspendierung hat Hörmann in einem Brief, der bis Ende Jänner auch auf seinem Facebook-Profil einsehbar war, vom STANDARD folgende Gegendarstellung zu seinen Äußerungen begehrt: "Liebe fb-FreundInnen, dieser Brief geht heute an die Redaktion des Standard: An die Redaktion des Standard … Wien, 26.01.2012 Sehr geehrte Damen und Herren, da in Ihrer Berichterstattung vom 25.01.2012 einige meiner Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen präsentiert und in den Nahebereich einer strafbaren Handlung (Verbotsgesetz von 1947) gerückt wurden, begehre ich folgende Gegendarstellung gem. § 9 (1) Mediengesetz: 'Als Experte für Wissensmanagement und Wissenschaftstheorie, der in diesem Bereich lehrt und forscht und mehrere internationale Publikationen vorweisen kann, vertrete ich einen originären Wissensbegriff. Danach existieren zwei Arten von Wissen: 1) Fachwissen, welches durch Aufstellung, Überprüfung und Widerlegung von Theorien durch dazu ausgebildete Wissenschaftler entsteht sowie 2) Erlebniswissen, welches durch persönliche Teilnahme an Ereignissen und ihre Interpretation vor dem Hintergrund der subjektiven Lebenserfahrung entsteht. Durch das Lesen von Büchern und Hören von Berichten und Vorträgen durch fachliche Laien entsteht in diesem Sinne kein Wissen sondern Glaube. Vor dem Hintergrund dieser Wissensdefinition muss ich die Aussage 'Ich weiß, dass unter dem verbrecherischen Regime des 3. Reichs Massenvernichtungslager betrieben wurden.' aus rein logischen Gründen ablehnen, da ich weder Historiker bin (Fachwissen) noch Zeitzeuge (Erlebniswissen). Der Aussage 'Wir wissen, dass unter dem verbrecherischen Regime des 3. Reichs Massenvernichtungslager betrieben wurden.' stimme ich hingegen zu, da dieses 'wir', auf die gesamte Gesellschaft bezogen, auch die Fachexperten (Historiker) sowie Zeitzeugen umfasst. Auch der Aussage 'Ich glaube, dass unter dem verbrecherischen Regime des 3. Reichs Massenvernichtungslager betrieben wurden.' stimme ich zu, da ich sowohl den Aussagen der Fachexperten (Historiker) als auch der diesbezüglichen Zeitzeugen vertraue. Kooperation bedeutet für mich das Lösen von Sachproblemen im Konsens, wobei politische Ideologien sowie religiöse Meinungen von Einzelpersonen irrelevant, im schlimmsten Falle jedoch, wenn ihnen falsche Bedeutung zugemessen wird, sogar schädlich sein können. Gewaltverherrlichende, demokratiegefährdende Weltbilder stellen für mich bestimmte Formen von Geisteskrankheiten dar, welche durch geeignete Therapieformen (z.B. Gesprächstherapie) und Aufrechterhalten des Dialogs meiner Meinung nach heilbar sind. Einige Möglichkeiten dafür werden z.B. in dem Fachbuch 'NLPt – Theorie und Praxis der Neuro-Linguistischen Psychotherapie / Das wissenschaftliche Fundament für die Europa-Anerkennung von NLPt (Schütz/Schneider-Sommer/Gross/Jelem/Brandstetter-Halberstadt)' beschrieben. Es ist ferner sachlich falsch und irreführend, meine verzerrt dargestellten persönlichen Aussagen in irgendeinen Zusammenhang mit den diversen occupy-Bewegungen zu bringen. Diese Bewegungen besitzen (noch) keinerlei zentrale Struktur oder Programm, keine formale Mitgliedschaft und keine formelle Führungsstrukturen, sondern stellen die ersten Ansätze des Versuchs einer friedlichen, kooperativen und basisdemokratischen Entwicklung unserer Gesellschaften dar.' Mit freundlichen Grüßen Ich hoffe, das erklärt nun wirklich alles! Liebe Grüße" (Quelle: Facebook-Profil von Dr. Franz Hörmann - siehe hierzu den Verweis im Webtipp "WU-Reaktion 1") [Auf der Website "science 2.0" kann man ebenfalls eine Analyse der zentralen Aussagen des obigen Briefes finden - wenngleich diese auch einen verteidigenden und daher der nun folgenden Auseinandersetzung dieses Artikels mit Hörmanns Thesen opponierenden Standpunkt einnimmt.] Im Angesicht dieses Briefes stellen sich zunächst folgende Fragen: Erstens: Wenn Erlebniswissen in Büchern niedergeschrieben, in Vorträgen und Berichten dargeboten oder auch - als weitere Dimension - in Fotografien und Filmaufnahmen dokumentiert wird (zumindest legen die Aussagen aus dem unveröffentlichten Interview nahe, dass Fotos nicht als originäre Grundlage zur Entwicklung von Expertenwissen hinreichend genügen), wo genau ist im Falle des Holocaust, und auch in vielen anderen Fällen, in denen Historiker notgedrungen von Berichten, Fotografien und Filmdokumenten zur Generierung ihrer Schlussfolgerungen abhängig sind, die Grenze zwischen so genanntem Glauben und Expertenwissen zu ziehen? Zweitens: Dieselbe Frage trifft etwa auch auf die Situation von Studenten oder Privatmenschen zu, die aus persönlichem Interesse in ihrem offiziellen oder privaten Studium eine vertiefende Recherche zum Holocaust und zu den Konzentrationslagern betreiben. Wann hören diese Menschen zu glauben auf und fangen zu wissen an, wenn sie etwa die Bücher der KZ-Überlebenden Primo Levi oder Robert Antelme lesen oder auch den Vorträgen von Historikern zu diesem Thema lauschen, die zwar von Ausbildungswegen her als ausgewiesene Experten gelten könnten, aber mitunter den Holocaust selbst nie miterlebt haben? Drittens: Dieselbe Frage trifft denn auch auf die Ausdehnung einer wissentlichen Aussage im Sinne eines "wir" zu, in dem sowohl Gesellschaft als auch Fachexperten mit einbezogen sind. Wieso kann dieser Aussage zugestimmt werden, wenn die angelegte Trennung zwischen Experten- und Erlebniswissen nahelegt, dass durch die Gesellschaft als Gesamtheit ein Bruch verlaufen müsste, der die Experten von dem "glaubenden" Rest der Gesellschaft abkapselt? Wie kann eine gesamte Gemeinschaft wissen, wenn der Großteil in ihr glauben müsste? Durch die nicht vollzogene begriffliche Differenzierung und Ausformulierung dieser aus geisteswissenschaftlicher Perspektive äußerst vielschichtigen Termini lässt sich aus der widersprüchlichen Hörmannschen Argumentation schließen, dass die Aussage "Wir wissen..." kein allgemein anerkanntes Fachwissen zur Folge hätte, da Glaube nur einen Nicht-Zweifel, jedoch keine Anerkennung mit sich bringt, sondern einen historischen Dogmatismus, den Herr Hörmann im Lichte seines eigenen Wissensverständnisses wohl ablehnen würde. Wo verläuft also innerhalb der Gesellschaft die Trennung zwischen Glauben und Wissen in Bezug auf den Holocaust? Viertens: Wird in dieser Unterscheidung die ethische (und hier vor allem die empathische) Dimension gegenüber dem Anderen, allen voran dem Überlebenden eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers miteinbezogen? Dazu muss Folgendes festgestellt werden: Die Ablehnung einer mit "Ich weiß..." beginnenden Aussage in Bezug auf den Holocaust aus logischen Gründen bei gleichzeitiger Zustimmung zu einer mit "Ich glaube..." beginnenden Aussage hat zur Folge, dass ein dem Augenzeugenbericht eines überlebenden Opfers inhärentes Bedürfnis nach einer Verständnisleistung, einer Geste des Nachvollzugs und somit der Anerkennung seiner Aussagen sowie seiner selbst als Mensch, die der in obigem Brief beschriebenen Generierung von Wissen zweifelsohne inne wohnt, nicht stattgegeben wird. Wäre daher nicht zumindest in der Reformulierung der keine konkrete Handlungsmaxime zeitigenden Aussage „Ich glaube, dass unter dem verbrecherischen Regime des 3. Reichs Massenvernichtungslager betrieben wurden“ zu "Ich glaube (...), darum werde ich beginnen, mir selbst Wissen darüber zu erarbeiten" ein Akt der Anerkennung und eine Geste des Respekts diesem Menschen gegenüber zu suchen? Schlussendlich also aus eigener recherchierender und wissenschaftlicher Tätigkeit ein Erbe für eine Gegenwart anzulegen und somit einem Menschen die Würde der Authentizität zuzugestehen? Zuhören stellt einen Akt und Beginn des Nach- und Erforschens dar, ohne den eine wichtige Grundlage zur Entwicklung von Interessen- und Forschungsgebieten fehlte. Die Trennung zwischen "Ich weiß..." und "Ich glaube..." lässt somit unmöglich die Entwicklung kollektiven Wissens und Bewusstseins zu, da in ihr die Wissensproduktion dem Elitarismus zugeführt und die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gekappt wird. In weiterer Folge wird mit einer "Ich glaube..."-Aussage (dem spekulativ auch das Anhängsel "...aber nicht mehr" hinzugefügt werden könnte) die Zeugenschaft der Holocaust-Opfer auf gesellschaftlicher Ebene nivelliert und marginalisiert, das Signal einer Bereitschaft zur Erweiterung eigenen Wissens nicht in Betracht gezogen, also ausgeschlossen, und die Opfer damit von Neuem gedemütigt. Drastisch formuliert könnte diese "Ich glaube..."-Aussage auch als "Mag (passiert) sein, aber wissen kann ich das nicht" zum Ausdruck gebracht werden. Diese Aussage stellt allerdings in ihrer Grundstruktur nichts anderes als einen Akt der Interessenlosigkeit und somit einen Akt der Ausgrenzung und Ablehnung aus dem eigenen Wissensbereich dar. Warum wäre es allerdings abzulehnen, den eigenen Glauben zu Wissen zu ergänzen? Warum ist die Möglichkeit dieser Ergänzung in obigem Brief nicht in Betracht gezogen worden? Die Quellen- und Grundlage dazu wäre durchaus vorhanden. Wird die Möglichkeit der Aussage "Ich weiß, dass unter dem verbrecherischen Regime des 3.Reichs Massenvernichtungslager betrieben worden sind" daher nicht in Betracht gezogen, weil - laut oben zitierten Interview-Auszügen - die Frage des Genozids während des Nationalsozialismus nicht geklärt werden kann, da es "keine objektive und ideologiefreie Diskussion" darüber gab? Weil es keinen Sinn mache, aus heutiger Perspektive darüber zu reden, da nur "Gebäudereste, Fotos und Beschreibungen" vorhanden sind? In erster Linie ist dem Umstand zwar zunächst zuzustimmen, dass eine nach obigem Muster objektive Beurteilung der Geschehnisse in der Gaskammer für einen Menschen, der nicht Zeuge war, schlecht möglich ist, da der Tod in der Gaskammer als solcher nur von den Toten selbst bezeugt werden könnte. Nach dem von Hörmann angelegten Wissensbegriff wäre also der einzige Weg zur Erlangung höchster Objektivität zur Beurteilung der Geschehnisse in den Gaskammern zugleich der subjektivste, nämlich der Nachvollzug des Todes in der Gaskammer an sich selbst. Aus diesem Grunde mag die Ablehnung der Aussage "Ich weiß..." zwar logisch erscheinen, doch wird damit in letzter Konsequenz auch das Urteil eines Historikers, eines Experten, in Zweifel gezogen. Dabei ließe sich die überlieferte Quellenlage durchaus "objektiv" und "ideologiefrei" beurteilen, zumindest - metaphorisch gesprochen - bis an die verschlossenen Tore der Gaskammern heran. Es gibt etwa nicht bloße Gebäudereste - abgesehen von der Tatsache, dass in Mauthausen, Auschwitz, Majdanek und anderen ehemaligen Lagern, keine Reste, sondern ganze Baracken, Krematorien, Krankenanstalten und Gaskammern zu sehen sind. Es gibt die Berichte der Überlebenden, die Fotografien von Gefangenen wie Tätern, und es gibt jene erschütternden Filmaufnahmen, die von den alliierten Soldaten während des Vormarschs gen Berlin und der Befreiung der Konzentrationslager von den dortigen Zuständen gemacht wurden. Einen kleinen Teil solcher Aufnahmen bekommt man etwa in dem Kurzfilm-Essay "Nacht und Nebel" von Alain Resnais zu sehen - ein Film, dem nach der These Hörmanns durch den Kommentar von Jean Cayrol bzw. Paul Celan und durch seine bloße Montage zwar mangelnde Objektivität oder ideologische Einfärbung vorgeworfen werden würde, der aber auf historisch verbürgtes Archivmaterial zurückgreift und unter der Beratung durch ausgewiesene Experten entstanden ist. Überhaupt könnte man die Aufnahmen der Soldaten als fokussiert, gewählt und zutiefst subjektiv abwerten und auch die Tatsache, dass man damit Beweismaterial sammelte, um die Täter später in den Nürnberger Prozessen mit diesen Bildern zur Rechenschaft ziehen zu können, mag Grundlage für das Argument sein, dass diese Aufnahmen nicht aus einer "wertfreien" Situation heraus entstanden seien. Jedoch: die Filmstreifen wie die Bilder sind von rein physischer Qualität, sie existieren als solche und das auf ihnen einsehbare Material ist faktisch. Ob es die halbtoten, abgemagerten Gefangenen sind, welche die Soldaten bei Öffnung der Lager erblickten, spärlich bedeckt von zerlumpten Gefangenenmonturen, oder die durch "medizinische Experimente" entstellten Opfer, oder jene unzähligen zerschundenen Leichen, die man nicht bloß zu Bergen angehäuft zu sehen bekommt, sondern zuhauf mit großen Baggern in ausgehobene Erdlöcher geworfen, als ob sie Schutt und Asche wären, um die Seuchengefahr eindämmen zu können - dieses Grauen ist Tatsache. Welche objektive und ideologiefreie Perspektive kommt beim Vorfinden von ehemaligen Gefangenen- und Arbeitslagern, in denen sich die Toten türmen, in denen die Lebenden nur gerade noch nicht tot sind, nicht zu dem Schluss, dass ob ihres Zustands diese Menschen unter nichtswürdigen und unmenschlichen Bedingungen ihr Dasein fristen mussten? Dass so viele Menschen nicht einfach so zu Tode kommen? Dass es eine Systematik des Massenmordes gegeben haben muss? Eine Antwort auf diese Fragen sollte eigentlich nicht gegeben werden müssen. Eine massenhafte und systematische Tötung von zahllosen Menschen hat es während der nationalsozialistischen Diktatur von 1933 bis 1945 gegeben. Und wenn man einer "Wir wissen..."-Aussage zustimmen kann, dann müssen in diese Bezeichnung als geistig-kulturelle Substanz einer Gesellschaft auch die wissenschaftlichen, prosaischen und lyrischen Werke zum Holocaust sowie die in Ausstellungen und im Rahmen von Studien und unter sonstigen Möglichkeiten einsehbaren Fotografien und archivierten Filmaufnahmen mit eingeschlossen werden, da ohne sie keine Wissensproduktion jenseits des Expertentums möglich wäre und daher diese Aussage keine logische Zulässigkeit erführe. Man kann daher nicht "keine Meinung" zu Gaskammern haben - vertraut man einem Experten, einem Historiker, wie Herr Hörmann so schön geschrieben hat, teilt man auch die Überzeugung in dessen Wissensstand zur Existenz von Gaskammern und überschreitet damit per se bereits den Akt so genannten Glaubens. Es kann nicht "keinen Sinn" machen, "aus heutiger Perspektive" über den Holocaust nachzudenken und zu sprechen, damit würde man eben jene Überzeugung, eben jenes bereits generierte Wissen und mit ihm sämtliches Quellenmaterial in seiner Berechtigung und Authentizität per se in Zweifel ziehen. Die Ablehnung einer aneignenden Auseinandersetzung mit dem Wissensbestand zum Thema Holocaust, die über bloßes Glauben hinausgeht, findet also keinen Weg vorbei an Widersprüchen und zu kurz geratenen Argumenten. Es ist, als würde sich Dr. Hörmann damit seine eigene Urteilsfähigkeit in diesem Bereich absprechen (und mit ihm auch allen anderen, die über kein so genanntes Expertenwissen verfügen), was für einen Experten "für Wissensmanagement und Wissenschaftstheorie" etwas seltsam anmutet. Seine Argumentation beharrt im Grunde auf der Engstirnigkeit des disziplinären Expertenwissens und verweigert sich der persönlichen Zumutbarkeit eines höheren Wissensstands in Bezug auf den Holocaust. Das Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wird in seiner zukünftigen gemeinschaftlichen, solidarischen und in sich respektvollen Entwicklung wesentlich von der ethischen, empathischen und historischen Bildung jener kommenden Generationen abhängig sein, die als erste nicht mehr von Zeitzeugen, sondern nur noch aus Geschichtsbüchern über die Zeit des Nationalsozialismus erfahren werden können. Wenn die Bemühungen um die Rettung der Menschlichkeit in den letzten 67 Jahren nicht umsonst gewesen sein soll, dann wird man auch künftig um diese Zumutbarkeit keinen Bogen machen können.


Artikel erstellt am 18.02.2012 um 23:05 Uhr // 1051 Views





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