Lehrstunde auf wienerisch
Wirklich interessant ist die Warterei auf den unausweichlichen Anruf aber nicht. Da bleibt dann ein wenig Zeit zur Beobachtung. In dem schon um zehn Uhr vormittags gut gefüllten Kaffeehaus sitzen mehr als genug Wiener Originale, die all meine Sinne auf Trab halten. Manchmal kommt man bei solchen Szenarien gar nicht mehr aus dem Stauen heraus. Auf einer Eckbank in dem dunkeln, verrauchten Salon sitzt zum Beispiel ein altes Pensionistenpärchen, dass das erste Krügerl des Tages genießt und sich in lautstarkem, aber freundlich gehaltenen Disput über Tante Ernas Geburtstagswünsche befindet. Scheinbar möchte Erna einen Ausflug in die Donauauen unternehmen. Das stößt beiderseitig auf nicht besonders große Gegenliebe. Dort sei viel zu viel Getier am Umherkriechen und die Ungemütlichkeit solch einer Expedition sei bereits jetzt physisch spürbar. Man beschließt einen dringend benötigen Kuraufenthalt etwaig als Ausrede zugebrauchen. Daraufhin versinken beide in wohliges Schweigen.
In dem Teil des Etablissements, dass am weitesten vom Eingang entfernt ist, und nur noch eine schwache Beleuchtung genießt, da der sich dort befindliche Luster wohl schon seit Kaiser Franz Josephs Zeiten nicht mehr in Betrieb ist, und auch das Tageslicht kaum Zugang findet, sitzen zwei zwielichtige Gestalten, die mit Hilfe übertriebener Gestikulation und leisem Getuschel ihre Geschäftspläne zu synchronisieren gedenken. Beide mit unzähligen falschen Goldketten und Ringen behangenen Männer scheinen sich über einen Tagessatz nicht gänzlich einig zu sein. Welcher Natur dieser ist, dringt nicht mehr zu meinem Ohr. Die Interpretation überlasse ich euch. Nach einiger Zeit steht der kleinere der beiden, übrigens sehr beleibten Herren auf und verlässt unwirsch das Lokal. Verhandlung vertagt.
Plötzlich wahrhaft infernalischer Krach. Der alte Zecher, der schon seit geraumer Zeit an der Theke an seinem dritten Bier nuckelt, ist samt Barhocker umgefallen und hat sein Krügerl gleich mit auf die Reise genommen. Flüche erfüllen die Luft. Manche der Ausdrücke habe selbst ich noch nie in meinem Leben gehört. Ausdruck von Freude scheinen sie aber nicht zu sein. Der weißhaarige und mit einem Vollbart geschmückte Mann rappelt sich unter Mithilfe der nicht weniger unglücklich wirkenden Kellnerin auf. Die Angestellte des Cafes richtet den Hocker wieder in die Vertikale. Der Alte platziert sich auf dem Selbigen, kommt schön langsam wieder zur Ruhe, bestellt sich ein neues Bier, dass ihm auch alsbald von der netten Dame in Arbeitskluft gebracht wird und setzt an. Nachdem die Hälfte des Krügerls wie aus Zauberhand vom Glas in die Kehle des Zechers geflossen ist, nimmt der Weißhaarige seine gewohnte, in sich zusammengesunkene, Stellung ein. Wie schnell doch ein bisschen Bier einen Trinker zur Ruhe bringen kann.
Stille kehrt in die Gaststätte ein. Das einzige Geräusch, dass noch vernehmbar verbleibt, ist das Rücken von Figuren auf einem Schachbrett. Nahe dem Eingang spielen zwei Männer. Niemand nimmt Notiz von ihnen und sie scheinen auch nicht auf Aufmerksamkeit erpicht zu sein. So richte ich die meine auf die vor mir befindliche, leere Kaffeetasse. Ich bestelle noch einen. Gerade als mir die Kellnerin die Melange auf den Tisch stellen will, wird die Tür zum Lokal beschwingt aufgerissen. Ein Mann mittleren Alters tritt ein. Nach einem kurzen Blinzeln gegen das Sonnenlicht erkenne ich ihn als den Strizzi, der mehr als nur unwirsch vor einiger Zeit das Cafe verlassen hat. Alle Gäste verstummen. Halten inne in ihren Bewegungen. Selbst die Kellnerin hält meine Melange weiter in Händen. Auch ich starre nur. Sonst nichts. Ihr fragt warum? Ein wahrscheinlich berauschter Zuhälter, der eine Pistole im Anschlag hält, hat so eine Wirkung auf seine Umwelt.
Unter lautem Geschrei weißt der Bewaffnete seinen vorherigen Gesprächspartner darauf hin, dass ab jetzt alles so gemacht wird, wie er es will. Auf die Frage hinauf ob es hierzu irgendetwas zu beanstanden gibt, vernehme ich aus der dunklen Ecke: "Na. Ois kloar." Nach mehrmaligem Nicken und mit der Waffe drohen verlässt der Zuhälter wieder das Lokal. Alle Gäste atmen auf. Ich ebenso. Die Kellnerin, die es aus mir völlig unerfindlichen Gründen geschafft hat, die Melange weiter über dem Tisch zu balancieren, stellt diese seelenruhig auf meinem Tisch ab. Ich will aber nur noch zahlen und weg. Man weiß ja nicht ob nicht gleich einer der schachspielenden Pensionisten das Lokal verlässt, in einer halben Stunde mit einem Revolver zurückkommt und lautstark ein Remis einfordert. Die Kellnerin nennt mir die Summe, die ich zu entrichten habe. Ich bezahle. Auch den noch nicht getrunkenen Kaffee. Ich wäge kurz in Gedanken meine Optionen ab. Ich entschließe mich dazu den Kaffee noch fertig zu trinken. Innerhalb der nächsten fünf Minuten wird sich wohl die vorherige Szene nicht wiederholen.
Mein Telefon läutet. Es ist der Mechaniker. Er beginnt das Gespräch wie jedes Jahr. Herr Weiner, ganz schlimm. Blabla ist hin. Na und wie teuer wird das wohl werden? Na so ungefähr ... (bitte setzt hier eine beliebige Summe ein, die euch als viel zu hoch erscheint). Auf die Frage ob das ein Problem sei, sage ich nur: "Na. Ois kloar." Ich stürze meinen Kaffee hinunter, stehe auf, wünsche der Kellnerin einen schönen Tag, was mir im Nachhinein ein wenig dumm vorkommt, und trete auf die Straße. Mit einem Lächeln auf den Lippen gehe ich Richtung KFZ Werkstätte. Letztlich ist doch nicht alles so schlimm. Denn die Moral von der Geschicht: Kleinkriminelle, die nur dein Geld wollen sind doch um einiges erträglicher, als jene, die dir gleich nach dem Leben trachten.
Artikel erstellt am 14.06.2010 um 13:50 Uhr // 2470 Views
ANMELDEN UND KOMMENTAR SCHREIBEN...
