Lasst sie einfach durch

Jetzt ist der Flüchtlingsstrom also auch in Österreich unausweichlich angekommen. Nicht mehr zusammengepfercht und abgeschottet im Symptom Traiskirchen, sondern zu Hunderten am Wiener Westbahnhof, hungrig, erschöpft, nur wissend, dass sie weiter wollen, Richtung Deutschland. Der vergangene Montag Abend ist angesichts der Ankunft von über 3.600 Flüchtlingen aus Budapest auch zu einem weiteren herausragenden Beispiel an Zivilcourage und Hilfsbereitschaft in Österreich geworden. Dutzende freiwillige HelferInnen fanden sich auf den Bahnsteigen ein, spendeten Getränke, Essen, Information und hießen die ankommenden Menschen mit Applaus willkommen. Während draußen vor der Tür über 20.000 Menschen für eine bessere und gerechtere Flüchtlingspolitik demonstrierten.

In den letzten Wochen war es nicht immer leicht, an so etwas zu glauben. Ständige Berichte über Hasspostings und Anschläge auf Flüchtlingsheime, end- und ergebnislose Diskussionen über eine an Quoten gekoppelte Flüchtlingsbetreuung, niederträchtige und nutzlose Kommentare von sich Journalisten schimpfenden ideologischen Geisterfahrern wie Michael Jeannée konnten einem mitunter das Gefühl geben, die eigene Heimat wäre aus sozialer Sicht dem Untergang geweiht. Die 71 toten Flüchtlinge, die letzte Woche in einem abgestellten LKW auf der Ostautobahn gefunden wurden, zeigen auf erschreckende Weise, wie tödlich und pervers die Auswirkungen sein können, wenn ein Staat und ein Teil seiner Bevölkerung nicht, zu spät oder ablehnend reagiert.

Man möchte meinen, es sei ein rettender Beweis für den Gemeinschaftssinn in unserem Land, dass, wenn es plötzlich Schlag auf Schlag kommt, mit großer Selbstverständlichkeit, Offenheit und Empathie Menschen zusammenkommen, um zu helfen. Das ist richtig. De facto erledigt hier die Bevölkerung aber auch Regierungspflichten. Am Westbahnhof regiert zur Zeit tatsächlich auf ganz grundsätzliche Weise das Volk. Kein Regierungsmitglied hat mit der selbstorganisierten Hilfe etwas zu tun, die Polizei wird vor Ort so gut wie gar nicht aktiv, der Staat hält sich raus. Ganz nach dem Motto: wenn sie nur durchreisen wollen, reichen die Ehrenamtlichen auch.

So schön es auch ist, die positiven Geschehnisse an den großen Transitbahnhöfen in Wien, Linz oder Salzburg mitzuverfolgen, oder von Freunden zu erfahren, dass sie in Traiskirchen helfen oder in kleineren Flüchtlingsunterkünften gemeinsame Zeit mit den Flüchtlingen verbringen – diese Hilfe ist gerade auch deswegen so akut nötig, weil alles andere nicht funktioniert. Es gibt keinen Plan in Europa, wie mit dem Flüchtlingsstrom umzugehen ist, es gibt keine politische Vision davon, wie die europäische Gemeinschaft und Kultur nach der Aufnahme und Integration der Flüchtlinge aussehen könnte. Das, was zur Zeit die mediale Überhand hat, ist eine Anti-Vision von einem Europa, das glaubt, in Abschottung und Isolation überleben zu können, sowie jene Politiker, die für diese Dystopie verantwortlich sind, indem sie nur dann Position beziehen, wenn sie aufgrund ihrer Untätigkeit ohnehin keine Leben mehr retten können.

Es ist an der Zeit, an solch einer Vision zu arbeiten. Europa muss nun nicht mit der Flüchtlingskrise umgehen lernen, es muss einfach damit umgehen. Jetzt sind sie hier, jetzt brauchen sie Hilfe, jetzt haben sie ein Recht auf ein würdiges Leben – nicht erst dann, wenn der Krieg im eigenen Land vielleicht einmal vorbei sein könnte. Sämtliches politisches Mitgefühl bei den Trauergottesdiensten für die toten Flüchtlinge hat keinen Nutzen, wenn man nicht den Weitblick, die Courage, die Vernunft und den Pragmatismus besitzt, das zu tun, was nötig ist. Ja, es braucht eine neue Vision, es braucht neue Bilder vor Augen, es braucht ein neues Motto.

Ein solches Motto könnte lauten: lasst sie einfach durch. Gewährt den Flüchtlingen die Einreise nach Europa. Sichere Grenzen, wie sie die FPÖ derzeit im Wahlkampf in Oberösterreich propagiert, sind keine blockierten Grenzen, die geschützt werden müssen, denn diese Grenzen sind offensichtlich in Gefahr. Sichere Grenzen sind jene, die legal überschritten werden dürfen und nicht geschützt werden müssen. Trennt Registrierung und Asylverfahren voneinander und gebt den Flüchtlingen die Chance, sich bereits beim Eintritt in die EU registrieren lassen, aber dennoch weiterfahren zu können, um woanders einen Asylantrag zu stellen. Schafft dort die Infrastruktur, arbeitet mit dem UNHCR zusammen, um dafür schnelle und effektive Prozesse zu schaffen. Geht im äußersten Fall in die Nachbarländer der Konfliktzonen, baut dort in Zusammenarbeit mit dem Staat und der UN gut gesicherte Erstlager mit genügend Nahrung, ärztlicher und psychologischer Betreuung und ausreichend privatem Raum auf. Installiert dort schon die nötige Infrastruktur, um eine rasche Flüchtlingsregistrierung zu ermöglichen, wertvolle Informationen über die weitere Reise, die Dauer des Aufenthalts oder weitere Schritte zu geben und mit den dort erhobenen Zahlen die Flüchtlingskoordination in Europa und den einzelnen EU-Staaten besser zu gestalten. Baut diese Lager nicht, um die Menschen von Europa fernzuhalten, sondern um ihre folgende Einreise einfacher zu gestalten. Baut sie, damit die Flüchtlinge keine gefährlichen und illegalen Wege zurücklegen müssen. Baut sie, um ihnen ein Gefühl der Sicherheit zu geben.

Ein anderes Motto könnte lauten: denkt nicht mehr in Flüchtlings-, sondern in Familienzahlen. Es ist kein Wunder, dass es das Vorurteil gibt, es würden hier nur Männer mit Smartphones (als ob es die nur in Europa zu kaufen gäbe) stranden, wenn es Familien nicht möglich ist, als Gruppe legal nach Europa einzureisen. Das Smartphone ist für einen Flüchtling der letzte Kompass in die neue Welt, aber auch die letzte und einzige Verbindung zur Familie oder in die Heimat. Macht diesen Gebrauchsgegenstand in dieser Hinsicht obsolet, indem ihr nicht Einzelpersonen, sondern Familien aufnehmt.

Das Motto könnte auch lauten: stoppt die Kategorisierung und stärkt die Heimatländer. Wenn ihr keine so genannten Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen wollt, weil ihr euren Wählern nicht mit Hausverstand erklären könnt, warum ein Kosovo-Albaner, der in ärmlichen Verhältnissen lebt, die Chance verdient hat, sich in Österreich oder Deutschland ein besseres Leben aufzubauen, dann nehmt gefälligst das Geld und das Know-how in die Hand, um diesem Staat eine bessere Entwicklung zu ermöglichen. Die meisten Menschen, die sich hierzulande darob echauffieren, dass Menschen aus dem Balkan oder anderen, noch strukturschwächeren Regionen, doch bitte ihr Land aufzubauen helfen sollen, wie es die Leute damals nach dem Krieg in Deutschland und Österreich getan haben, vergessen, dass der damalige Restaurationsprozess und Wirtschaftsaufschwung ohne die Anwesenheit der Alliierten, ohne den Versuch der Entnazifizierung, ohne den massiven Schuldenschnitt bei den Reparationszahlungen – oder kurz: ohne dieses „nation building“ – so nicht möglich gewesen wäre. Für die Balkanregion könnte das zum Beispiel heißen: startet mit den Beitrittsverhandlungen, investiert in Förderungen und Infrastruktur, bekämpft die Korruption, betreibt Konfliktmanagement unter den Volksgruppen. Integriert sie in eure europäische Vision. Versucht, einen positiven Patriotismus in der Region zu schaffen, indem ihr euch selbst eine neue Parole gebt: wer nicht gewillt ist, seinen Wohlstand mit Ärmeren zu teilen, der hat es nicht verdient, stolz auf seine Heimat zu sein, denn dessen Land ist ein armseliges Land. Wenn ihr Wirtschaftsflüchtlinge nicht als Flüchtlinge akzeptiert, dann liegt deren Lebensperspektive dennoch um nichts weniger in eurer Verantwortung.

Noch ein Motto könnte sein: steuert die Flüchtlingspolitik zentral, sorgt für gleiche Standards. Natürlich ist es für einen Flüchtling besser, nach Deutschland zu gelangen, wenn dort das Asylrecht in der Verfassung festgeschrieben ist und das Land EU-weit über die besten finanziellen Möglichkeiten zur Flüchtlingsbetreuung verfügt. Natürlich gibt es kein logisches und nachvollziehbares Argument dafür, warum Flüchtlinge ausgerechnet in Ungarn bleiben sollen, wenn der Staat dort keine Flüchtlinge haben will und die ungarische rechtsradikale Szene in den letzten Jahren massiv an Zugkraft gewonnen hat. Es muss nicht nur heißen: macht Quoten, damit jedes EU-Mitglied solidarisch Flüchtlinge aufnimmt. Es muss auch heißen: macht die Erstaufnahmezentren nicht zu nationalem, sondern zu europäischem Boden, auf dem ein starkes europäisches Asylrecht gilt, stärkt den europäischen Flüchtlingskommissar, damit er die Betreuung in Zusammenarbeit mit lokalen Hilfsorganisationen steuern kann. Schafft EU-weite finanzielle und infrastrukturelle Standards in der Flüchtlingsbetreuung, fördert kleinere, staatliche wie private Unterkunftsinitiativen, in denen Familien im Kontakt mit der lokalen Bevölkerung leben können, anstatt sie zu Hundertschaften in Großheimen abzuschieben. Arbeitet an einem System, das gut funktionieren kann, um Ressentiments und Ängste zumindest teilweise zu neutralisieren. Seht den Aufbau solch einheitlicher Standards auch als die große Chance, um endlich effektiv die wirtschaftlichen, sozialen und gemeinschaftlichen Gefälle innerhalb der EU abzubauen, die jeweilige regionale Bevölkerung wirtschaftlich und sozial zu stärken und damit den Flüchtlingen in ganz Europa ein nachhaltig gefestigtes und positives Lebensumfeld zu geben.

Ein letztes Motto müsste dann auch heißen: betreibt „community building“. Verabschiedet euch von dem Irrglauben, in drei bis sechs Jahren wäre alles wieder vorbei und alle Flüchtlinge würden wieder in ihre Heimat zurückkehren. Das war noch nie so (genug Menschen sind nach dem zweiten Weltkrieg nicht zurückgekehrt) und wird auch nie so sein. Die aktuellen Konflikte in der Welt haben radikale konfessionelle und ethnische Reibeflächen und lassen sich nicht einfach mit ein paar Militärschlägen ausradieren. Gebt euren Flüchtlingen daher die Möglichkeit, sich tatsächlich ein neues Leben aufzubauen und selbst zu entscheiden, ob sie irgendwann in ihre Heimat zurückkehren wollen oder nicht. Konzentriert euch dabei nicht einfach auf Jobs und Einkommen. Schafft den Menschen soziale und kommunikative Perspektiven, interkulturelle Foren auf lokaler und regionaler Ebene, fördert entsprechende Initiativen nachhaltig. Lasst die Menschen nicht allein in ihren Vorurteilen, ihren Ängsten und Traumata, ihren Tellerrändern, Nostalgien und Extremismen stehen, öffnet ihre Horizonte. Und scheut euch nicht davor, diese gegenseitige Annäherung und Verständigung von allen Seiten mit Nachdruck einzufordern.

So könnte vielleicht einmal unser Europa aussehen. Ein Europa, das in sozialer und gemeinschaftlicher Hinsicht von Empathie und Solidarität, in administrativer und struktureller Hinsicht von vernünftigem Pragmatismus getragen wird. Eine Vision, die sich den Vorwurf der „Gutmenschen-Rhetorik“ nicht gefallen lassen muss – denn das hier, das ist purer Hausverstand.

Veröffentlicht von

herrsebastian.at

Philosophisch geprägter Theater-, Film- und Medienwissenschafter mit Skills in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Administration und Kommunikation, sowie leidenschaftlicher Autor, der sein Talent auch mal zu Geld macht.

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