Kaffeekränzchen im Vorgestern

Letzten Sonntag saß ich bei Kaffee und Keksal bei meinen Großeltern, blätterte lustlos in der Kronen Zeitung herum, lauschte nebenbei der immer gleichen Frage, wann ich denn endlich wieder in die heimatliche Marktgemeinde zurückkehren würde und wozu man eigentlich Publizistik studieren würde, als ich plötzlich die Antwort darauf fand. Und das ausgerechnet in der Krone auf Seite 8 im Eule Kommentar. Das Wort "NS-Dikatur" und der Titel "Behinderte Meinungsfreiheit" sprangen mir in die Augen und ich bereitete mich auf einen braun eingefärbten Kommentar vor. Zu Anfang war die Rede vom "Meinungsterror" im NS-Regime und, dass es für die Menschen nach 1945 eine "Erlösung" darstellte, "endlich gefahrlos und frei überall ihre Meinung sagen zu können".

Kritisiert wurde in weiterer Folge, dass heutzutage freie Meinungsäußerungen negative Folgen nach sich ziehen können, was anhand dreier Beispiele erläutert wurde. Im ersten ging es um den FIFA-Schiedsrichter und ÖVP-Sportsprecher Konrad Plautz, der in einem Radiointerview zugab, mit "so Negermusik" nichts anfangen zu können, worauf sich Vertreter der "Antirassistischen Initiative Fair Play" geschockt zeigten. Der unglaubliche Wortlaut in der Krone: "Plautz glaubte, sich tatsächlich entschuldigen zu müssen". Das zweite Beispiel handelte von einer Bewerberin für einen Schulinspektorenposten, die sich in ihrer Diplomarbeit negativ über Homosexualität äußerte und auf den Unmut der Grünen stieß. Das dritte dargstellte "Schicksal" erzählte von einer Physik-Professorin, die offen eine Entwicklung menschlichen Lebens ohne Gott verneinte, was von der Schulleitung nicht toleriert wurde. Bei allen drei Fällen wurde dem Leser klar und deutlich suggeriert, dass es sich hierbei um grobe Ungerechtigkeiten handle, da es doch nur um die freie Meinungsäußerung gehe, die ja ein Grundrecht darstelle.

Dass eine derart rückschrittliche Zeitung eine weltweit einzigartige Reichweite von 44% aufweist, ist mehr als bedenklich und man stellt sich die Frage, ob die Grundstimmung in Österreich wegen der Krone so fremdenfeindlich, so kleingeistig ist, oder ob die Krone nur die Meinung und Grundhaltung vieler widerspiegelt. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Efriede Jelinek liefert dazu ein interessantes Zitat:

„Die Massen lesen die "Kronen Zeitung", das heißt, sie hören sich selber beim Denken zu, ohne zu ahnen, dass man ihnen nur gibt, was sie immer schon gedacht haben, (...) sie freuen sich, dass es welche gibt, die sagen, was sie immer schon gesagt haben. So werde der Prozess des Denkens unterbrochen, ehe er noch beginnen kann.” (Quelle: Wikipedia.org)


Genau diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Menschen, die nicht darüber nachdenken, was sie da lesen und was die Zeilen bewirken können. Menschen, denen nicht bewusst ist, welche Macht die Kronen Zeitung unter Hans Dichand besitzt. In den jüngsten politischen Entwicklungen wurde uns das einmal mehr vor Augen geführt. Die Krone lebt zu einem Teil auch von den Lesern, die sie eben aufgrund ihrer Meinungsbildenden und -unterstützenden Funktion neben Qualitätsblättern rezipieren, um ein Bild der Gesellschaft zu bekommen. An genau diesen Menschen liegt es, kritisch zu hinterfragen und aufzuzeigen, welche Denkweisen nicht mehr ins 21. Jahrhundert gehören.

Michaela Pichler DNKFBRKT


Artikel erstellt am 27.07.2008 um 14:43 Uhr // 180 Views





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4 Kommentare zu diesem Beitrag


Reichweite VN in Vorarlberg: 80,5% am Wochenende, 67,3% wochentags.
27.07.2008 um 15:44  

ihr mit eicham medienmonopol :0)
27.07.2008 um 17:59  

sollte faymann kanzler werden, dann wird dieser erfolg sicher tlw. der krone zugeschrieben und man wird sich in zukunft noch weniger trauen, gegen die krone politik zu machen ...
02.08.2008 um 20:07  

ein glück nur das der dichand nicht auch noch strachitis (copyright poeter) hat, trotz seiner eigenen wehrmacht(wasnur) vergangenheit. solschenizyn hat ja mal gesagt "die wahrheit überwindet die ganze welt" und wurde auch nobelpreisträger wie jelinek. wir leben noch p.
04.08.2008 um 13:04