Friend of the Night
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Friend of the Night

Vom Gefühl der Übernächtigkeit bis zum Durchbrechen schreiten Lehnen durch die Nacht. Was im Nachhinein wie ein entfernter Traum wirkt, ist ein dramaturgischer Glücksgriff.


Die Mehrheit der Songs auf diesem Album wurde zwischen Mitternacht und den frühen Morgenstunden geschrieben.“ Lehnen möchten mit ihrem Zweitwerk ein „Gefühl der Isolation in einer schlafenden Stadt ausdrücken“ und dem Hörer „das Gefühl geben, der Einzige zu sein, der wach ist“. Was sich laut Pressetext nach einer wohligen Schnarchpartie anhört, entkräften Lehnen zu Beginn in einem Rausch aus drei unaufhörlich treibenden Rocksongs zwischen Alternative, Postrock und Indie. Just im Moment höchster Spannung lockern sie jedoch den Griff und lassen eine zweiminütige Unterbrechung aus atmosphärischen Nachtgeräuschen, schließenden U-Bahn-Türen und einem großen Rauschen folgen.


Das ist nicht minder erstaunlich wie gewagt. Der eigenen Erfahrung nach ist es fast immer der vierte Track vieler uninspirierter Rockalben, der zusätzliche Dynamik erzeugen und dadurch einen ersten Durchhänger umgehen soll. „Awake“ macht das genaue Gegenteil. Dort, wo die eigentliche Maxime erwartet wird, wo sich alles auftürmen muss und auf einen Punkt hinstreben soll, beginnen Lehnen wieder bei Null. Dieser übernächtigen Aufgeregtheit begegnen wir anschließend kein zweites Mal, was nicht zwangsläufig heißt, dass die Platte nur noch vor sich hin plätschert. Wie nach einem Stromausfall fährt „Coma“ mit erstmals elektronischen Einflüssen wieder an, verlangsamt das Tempo und gibt der Platte so einen neuen Einschlag. Was zuvor noch facettenreicher Rock war, ist nunmehr zunehmend rhythmischer Wave, vermehrt macht sich auch der melancholische Charakter der CD bemerkbar. Der langsame Schlusstitel „Ghost Town“ endet dann im Regen. Dabei entsteht ein wohliges Gefühl, gleich dem Beobachten niederprasselnder Regentropfen aus einer sicheren Umgebung heraus. Zugleich ist dieser Zustand aber auch ein trügerischer, denn mit den letzten Albumklängen geht auch ein Verblassen der Erinnerungen einher. Die reinigende Wirkung des Regens schwemmt die gesammelten Eindrücke hinfort und hinterlässt ein weißes Blatt im Kopf des Hörers. Was dennoch bleibt, ist ein schlüssiger 40-minütiger Soundtrack zur Nacht, der keinen herausragenden Höhepunkt hat, aber einem cleveren Gesamtkonzept folgt. „Awake“ endet mit hypnotisierendem Plätschern, das die vergangenen Stunden der Nacht wie einen einzigen Traum erscheinen lässt. (7/10)

Diese Kritik ist auch im aktuellen thegap-Magazin erschienen. Mehr von thegap und mir gibt es hier. Lehnen gibt es auch auf Facebook, das Denkfabrikat und thegap sowieso.




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Artikel erstellt am 17.07.2010 um 16:36 Uhr
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