FLUT Zweiter Teil, Folge 9/49
Es war bitter kalt. Das sollte nicht sein im Hochsommer. Der nun seit drei Wochen andauernde Regen verbarg sich hinter tief hängenden, schwarzen Wolken. Linda konnte ihn nicht sehen, nur hören. Sie stand mit einer Decke um die Schultern am Fenster und sah hinaus. Ihr Zimmer lag direkt unter dem Dach. Der Regen trommelte über ihrem Kopf auf die Schindeln und gegen die kupferne Regenrinne. Mal stärker, mal schwächer, aber kontinuierlich. Linda konnte sich nicht erinnern in ihrem fünfzehnjährigen Leben je einen so hartnäckigen Dauerregen erlebt zu haben. Früher hatte das Geräusch des Regens immer eine beruhigende Wirkung auf sie gehabt und sie hatte ihm gerne, gerade nachts gelauscht, wenn sie mit einem Buch in ihrem warmen Bett gelegen war. Aber irgendetwas an diesem Regen war anders.
Die Oberfläche des Mondsees kräuselte sich unter den Milliarden von Einschlägen und zeichnete sich nur durch seine Bewegtheit unter dem dunklen Himmel von der übrigen Landschaft ab. Schon letzte Woche war er über seine Ufer getreten. Die vier Fischerhütten unten am Steg konnte man nur noch mit einem Boot erreichen. Das ganze untere Dorf war überschwemmt und in den meisten Kellern stand das Wasser meterhoch, da halfen auch die über viertausend Sandsäcke nichts, die die Freiwillige Feuerwehr Schattenbach vor zwei Wochen begonnen hatte zu verteilen.
Linda hatte sie von ihrem Zimmer aus dabei beobachtet. Sie hatte Thomas gesehen, wie er mit zwei Sandsäcken beladen den Erlenweg hinunter gelaufen war. Ganz fremd und erwachsen war er ihr vorgekommen, so, als wären Jahre vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten.
Kurz war er direkt vor ihrem Haus stehen geblieben und Linda hatte sich plötzlich daran erinnert, wie es gewesen war, als sie noch zur Schule gegangen war. Damals, vor mehr als hundert Jahren, als sie wie alle anderen Kinder in ihrem Alter keine anderen Sorgen hatte als die Bewältigung ihrer Hausaufgaben, der fast nicht auszuhaltende Umgang mit der Intoleranz ihrer Eltern und dem Verdecken einiger Pickel auf der Stirn. Linda überfiel ein Gefühl der Sehnsucht nach dieser Zeit, dieser vergangenen, eingebetteten Sorglosigkeit, die nun abgeschlossen und für immer unerreichbar hinter ihr lag. Die Sehnsucht nach einer Freundin, einem Freund, nach Thomas. Ein Schmerz, der kaum auszuhalten war, weil er so schön und lebendig weh tat.
Thomas, der sie nicht einmal besucht hatte, Thomas, der jüngere Mitschüler quälte. Sie sehnte sich nach seinem einfachem Lachen, seiner Direktheit, seiner Grobheit.
Er war kurz vor ihrem Haus stehen geblieben, dann aber weiter gegangen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Danach war das Gefühl vorbei gewesen. Seit dem hatte sie mit aller Kraft versucht es wieder zu gewinnen, aber es war ihr nicht mehr gelungen. Nun lag das alles zurück, als wäre es das Leben eines anderen gewesen.
Irgendetwas in ihr sträubte sich vehement über die Vergangenheit nachzudenken. Sie schob es vor sich her, wie das Lernen auf eine lästige Schularbeit. Immer, wenn ihre Gedanken von alleine abglitten, wenn sie plötzlich Joachims Hand in der ihren spürte, seine großen Augen nur wenige Zentimeter von den ihren entfernt, suchte sie sich sofort einen Fluchtweg, so sehr sie sich auch vornahm, über alles nachzudenken. Denn nachdenken musste sie, das war ihr klar. Vor einer Woche war der Pater bei ihr gewesen und hatte sie mit Fragen gelöchert. Ein paar Tage bevor ihn der Herr zu sich gerufen hatte. Sie hätte ihm gerne geantwortet, aber sie konnte sich einfach nicht erinnern. Etwas sehr seltsames war mit ihr passiert, das wusste sie, aber sie schaffte es nicht auch nur darüber nachzudenken. Seltsamerweise machte sich, immer wenn sie versuchte sich auf die Zeit ihrer Krankheit zu konzentrieren, der Wunsch in ihr breit Klavier zu spielen. Es kam ihr so vor, als suche ihr Unterbewusstsein einen anderen Weg sie zur Wahrheit zu führen, da es über einen direkten anscheinend nicht möglich war. Zumindest fühlte es sich so an.
Unten in der Wohnstube stand ein altes verstimmtes Instrument. Es klang fürchterlich und drei Tasten blieben hängen, wenn man sie drückte.
Linda hatte sich vor- und während ihrer Krankheit niemals für Musik interessiert. Das Klavier war seit ihrer frühen Kindheit nichts weiter als ein Einrichtungsgegenstand für die ganze Familie gewesen. Ihr Vater wollte es aus den gleichen Umständen nicht verschrotten lassen, aus denen er die grässlichen selbstgemalten Bilder seiner Mutter im ganzen Haus hängen ließ; es war ein Teil seiner Kindheit und er wollte sich nicht eingestehen, dass es ihn nicht mehr gab. Irgendwie gab es ihm ein reines Gewissen, dass war ihr klar und sie hatte sich mit ihrer Mutter früher oft hinter dem Rücken ihres Vaters darüber lustig gemacht, aber sie konnte sich keinen Reim darauf machen, warum sie plötzlich das kaum zu unterdrückende Bedürfnis verspürte die Tasten des Klaviers zu berühren, kurz nachdem es begonnen hatte zu regnen. Irgendwo in ihrem Kopf machte sich immer deutlicher eine Melodie bemerkbar, die herauswollte. Bruchstückhaft gab sie sich zu erkennen. Jedesmal wenn Linda durch irgendein Geräusch an ihren Klang erinnert wurde, schien es ihr für Augenblicke als habe sie Begriffen was mit ihr passiert war, als der neunjährige Joachim an diesem heißen Sommernachmittag zu ihr gekommen war. Als wäre die Melodie der Schlüssel zu allem.
Leider schien es ihr unmöglich die komplette Melodie zu erfassen. Gebrochene Phrasen brachte sie am Klavier zusammen, einzelne Töne, von denen sie wusste, dass sie stimmten, aber keine zusammenhängende Tonreihe, die einen Sinn ergeben hätte.
Donner grollte, ein Schlag und kurz darauf verwandelte sich das Fenster vor Lindas Augen durch einen hell züngelnden Blitz für Sekunden in ein schwarz- blaues Fotonegativ. Die fast schwarzen Wolken ballten sich im Licht bedrohlich über das ganze Firmament und Linda war es, als könne sie in den dunklen Schatten lachende Fratzen sehen. Fratzen von launischen Wettergöttern, die sadistisch darauf warteten ihr Spiel zu beginnen, die aufgeladenen Kräfte endlich zu entfesseln, sie alle unter höhnendem Gelächter zu vernichten. Linda schauderte. Wie spät es wohl war? Später Nachmittag, früher Abend vielleicht, trotzdem war es dunkel wie mitten in der Nacht und kalt wie im tiefsten Winter.
Linda zog die Decke enger um ihre Schultern. Und plötzlich spickte etwas mit einem dumpfen Schlag gegen die Fensterscheibe, dass sie nervös zusammenzuckte. Zuerst dachte sie, es hätte zu hageln begonnen, wie letzte Woche. Aber dann wiederholte sich der Vorgang und Linda konnte mit zusammengekniffenen Augen erkennen, dass dort draußen, direkt unter ihrem Fenster jemand stand. Eine Gestalt mit hoch geschlagener Kapuze.
Thomas. Das war ihr erster Gedanke und ihr Herz begann zu pochen. Wieder schlug ein Kiesel gegen die Scheibe. Linda zögerte. Sie sah genauer hin, konnte aber so gut wie nichts erkennen. Mit einem mulmigen Gefühl öffnete sie das Fenster.
Die Oberfläche des Mondsees kräuselte sich unter den Milliarden von Einschlägen und zeichnete sich nur durch seine Bewegtheit unter dem dunklen Himmel von der übrigen Landschaft ab. Schon letzte Woche war er über seine Ufer getreten. Die vier Fischerhütten unten am Steg konnte man nur noch mit einem Boot erreichen. Das ganze untere Dorf war überschwemmt und in den meisten Kellern stand das Wasser meterhoch, da halfen auch die über viertausend Sandsäcke nichts, die die Freiwillige Feuerwehr Schattenbach vor zwei Wochen begonnen hatte zu verteilen.
Linda hatte sie von ihrem Zimmer aus dabei beobachtet. Sie hatte Thomas gesehen, wie er mit zwei Sandsäcken beladen den Erlenweg hinunter gelaufen war. Ganz fremd und erwachsen war er ihr vorgekommen, so, als wären Jahre vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten.
Kurz war er direkt vor ihrem Haus stehen geblieben und Linda hatte sich plötzlich daran erinnert, wie es gewesen war, als sie noch zur Schule gegangen war. Damals, vor mehr als hundert Jahren, als sie wie alle anderen Kinder in ihrem Alter keine anderen Sorgen hatte als die Bewältigung ihrer Hausaufgaben, der fast nicht auszuhaltende Umgang mit der Intoleranz ihrer Eltern und dem Verdecken einiger Pickel auf der Stirn. Linda überfiel ein Gefühl der Sehnsucht nach dieser Zeit, dieser vergangenen, eingebetteten Sorglosigkeit, die nun abgeschlossen und für immer unerreichbar hinter ihr lag. Die Sehnsucht nach einer Freundin, einem Freund, nach Thomas. Ein Schmerz, der kaum auszuhalten war, weil er so schön und lebendig weh tat.
Thomas, der sie nicht einmal besucht hatte, Thomas, der jüngere Mitschüler quälte. Sie sehnte sich nach seinem einfachem Lachen, seiner Direktheit, seiner Grobheit.
Er war kurz vor ihrem Haus stehen geblieben, dann aber weiter gegangen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Danach war das Gefühl vorbei gewesen. Seit dem hatte sie mit aller Kraft versucht es wieder zu gewinnen, aber es war ihr nicht mehr gelungen. Nun lag das alles zurück, als wäre es das Leben eines anderen gewesen.
Irgendetwas in ihr sträubte sich vehement über die Vergangenheit nachzudenken. Sie schob es vor sich her, wie das Lernen auf eine lästige Schularbeit. Immer, wenn ihre Gedanken von alleine abglitten, wenn sie plötzlich Joachims Hand in der ihren spürte, seine großen Augen nur wenige Zentimeter von den ihren entfernt, suchte sie sich sofort einen Fluchtweg, so sehr sie sich auch vornahm, über alles nachzudenken. Denn nachdenken musste sie, das war ihr klar. Vor einer Woche war der Pater bei ihr gewesen und hatte sie mit Fragen gelöchert. Ein paar Tage bevor ihn der Herr zu sich gerufen hatte. Sie hätte ihm gerne geantwortet, aber sie konnte sich einfach nicht erinnern. Etwas sehr seltsames war mit ihr passiert, das wusste sie, aber sie schaffte es nicht auch nur darüber nachzudenken. Seltsamerweise machte sich, immer wenn sie versuchte sich auf die Zeit ihrer Krankheit zu konzentrieren, der Wunsch in ihr breit Klavier zu spielen. Es kam ihr so vor, als suche ihr Unterbewusstsein einen anderen Weg sie zur Wahrheit zu führen, da es über einen direkten anscheinend nicht möglich war. Zumindest fühlte es sich so an.
Unten in der Wohnstube stand ein altes verstimmtes Instrument. Es klang fürchterlich und drei Tasten blieben hängen, wenn man sie drückte.
Linda hatte sich vor- und während ihrer Krankheit niemals für Musik interessiert. Das Klavier war seit ihrer frühen Kindheit nichts weiter als ein Einrichtungsgegenstand für die ganze Familie gewesen. Ihr Vater wollte es aus den gleichen Umständen nicht verschrotten lassen, aus denen er die grässlichen selbstgemalten Bilder seiner Mutter im ganzen Haus hängen ließ; es war ein Teil seiner Kindheit und er wollte sich nicht eingestehen, dass es ihn nicht mehr gab. Irgendwie gab es ihm ein reines Gewissen, dass war ihr klar und sie hatte sich mit ihrer Mutter früher oft hinter dem Rücken ihres Vaters darüber lustig gemacht, aber sie konnte sich keinen Reim darauf machen, warum sie plötzlich das kaum zu unterdrückende Bedürfnis verspürte die Tasten des Klaviers zu berühren, kurz nachdem es begonnen hatte zu regnen. Irgendwo in ihrem Kopf machte sich immer deutlicher eine Melodie bemerkbar, die herauswollte. Bruchstückhaft gab sie sich zu erkennen. Jedesmal wenn Linda durch irgendein Geräusch an ihren Klang erinnert wurde, schien es ihr für Augenblicke als habe sie Begriffen was mit ihr passiert war, als der neunjährige Joachim an diesem heißen Sommernachmittag zu ihr gekommen war. Als wäre die Melodie der Schlüssel zu allem.
Leider schien es ihr unmöglich die komplette Melodie zu erfassen. Gebrochene Phrasen brachte sie am Klavier zusammen, einzelne Töne, von denen sie wusste, dass sie stimmten, aber keine zusammenhängende Tonreihe, die einen Sinn ergeben hätte.
Donner grollte, ein Schlag und kurz darauf verwandelte sich das Fenster vor Lindas Augen durch einen hell züngelnden Blitz für Sekunden in ein schwarz- blaues Fotonegativ. Die fast schwarzen Wolken ballten sich im Licht bedrohlich über das ganze Firmament und Linda war es, als könne sie in den dunklen Schatten lachende Fratzen sehen. Fratzen von launischen Wettergöttern, die sadistisch darauf warteten ihr Spiel zu beginnen, die aufgeladenen Kräfte endlich zu entfesseln, sie alle unter höhnendem Gelächter zu vernichten. Linda schauderte. Wie spät es wohl war? Später Nachmittag, früher Abend vielleicht, trotzdem war es dunkel wie mitten in der Nacht und kalt wie im tiefsten Winter.
Linda zog die Decke enger um ihre Schultern. Und plötzlich spickte etwas mit einem dumpfen Schlag gegen die Fensterscheibe, dass sie nervös zusammenzuckte. Zuerst dachte sie, es hätte zu hageln begonnen, wie letzte Woche. Aber dann wiederholte sich der Vorgang und Linda konnte mit zusammengekniffenen Augen erkennen, dass dort draußen, direkt unter ihrem Fenster jemand stand. Eine Gestalt mit hoch geschlagener Kapuze.
Thomas. Das war ihr erster Gedanke und ihr Herz begann zu pochen. Wieder schlug ein Kiesel gegen die Scheibe. Linda zögerte. Sie sah genauer hin, konnte aber so gut wie nichts erkennen. Mit einem mulmigen Gefühl öffnete sie das Fenster.
Artikel erstellt am 09.08.2010 um 22:59 Uhr // 1961 Views
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1 Kommentare zu diesem Beitrag
tut mir leid, für die längere pause, aber ich wohne in feldkirch leider ohne internet, versuche aber jetzt wieder regelmäßig zu posten. und vielen dank an alle, die sich die mühe machen es trotzdem zu lesen;-)
