FLUT Zweiter Teil, Folge 8/49
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FLUT Zweiter Teil, Folge 8/49

Als kleiner Junge war er in den Sommerferien einmal zu seinen Großeltern aufs Land gefahren. Er war damals zehn Jahre alt gewesen und hatte an die ganze Sache schon lange vergessen. Aber in dieser Nacht träumte er davon. Sein Großvater hatte sich in einem Bergwerk in Frankreich nach dem Krieg als Gefangener die Lunge ruiniert. Man hatte ihm einen Flügel entfernt und nun klang sein Atem hoch und leicht rasselnd. Er sagte niemals viel. Die meiste Zeit saß er in seinem Stuhl und röchelte vor sich hin. Sein Gesicht war grau und faltig mit dunklen Altersflecken auf Stirn und Hals. Seine Hände lagen die meiste Zeit ruhig und knochig auf den abgenutzten Armlehnen seines Sessels, der wenn die Sonne schien, draußen auf der Veranda stand.
In seinem Traum schien die Sonne, in seinem Traum saß er neben seinem Großvater draußen auf der Veranda, wo es nach Äpfeln roch, es war Mittag. Aus der Wohnung klang Klaviermusik. Er kannte die Melodie, wusste aber nicht wie das Stück hieß. Es war ganz bekannt. Man hörte es überall. Großmutter war fast taub, aber sie spielte Klavier. Sie spielte auch Klavier, als er Großvater rüber in den Hühnerstall folgte. Ganz leise drang die Melodie durch die dünne Bretterwand.
"Was willst du mir zeigen Großvater?" Der Großvater lachte und er konnte seine Zähne sehen, die schon im Mund verfaulten; er stellte sich vor wie der Atem des alten Mannes riechen würde: wie der hintere Teil eines feuchten Kellers.
"Komm mit hier rüber Junge." Großvaters Atem pfiff. Dort in der Ecke stand ein kleiner Holzkäfig. Darin befanden sich drei Hamster. Er hatte vier von ihnen letzten Sommer zum Geburtstag geschenkt bekommen und nahm sie seitdem überall mithin. Obwohl es nur zwei Männchen waren hatte er sie John, George und Ringo getauft. Paul war leider schon nach einer Woche an einem Herzleiden gestorben. Sie hatten ihn im Garten neben dem Kompost beerdigt. Er hatte Paul eine Blume auf sein Grab gelegt und Vater hatte mit ihm ein Gebet aufgesagt. Auch davon träumte er.
"Das sind deine, nicht wahr?"Er nickte.
"Ja, willst du sie gerne Streicheln?" Großvater schüttelte den Kopf. Er lächelte, aber sah irgendwie komisch dabei aus. Seine Augen waren ganz groß geworden, und man sah viel weißes wie bei Brutus, wenn er nach etwas zu Fressen eiferte. Das Lied begann von Vorne. Wie hieß dieses verdammte Lied gleich? Er kannte es so gut, warum wollte es ihm nicht einfallen?
"Ich zeige dir was lustiges", sagte der Großvater und öffnete den Käfig. Er griff hinein und holte einen Hamster heraus. Er hatte ein braunes Fell mit weißer Stirn. Das war John. Zitternd lag er in der Hand von Großvater.Mit einem Mal hatte er das sichere Gefühl, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Großvater beugte sich ganz nah zu ihm herunter. Er brauchte eine ganze Weile dazu, seine steifen Glieder zu bewegen. Ganz nah hielt er ihm den Hamster vor das Gesicht. Plötzlich liefen ihm stumme Tränen die Wangen hinunter.
"Wie heißt der Kleine?", fragte Großvater.
"John", schluchzte er.
"John? Was soll das für ein beschissener Name sein."
"Ich habe ihn nach einem Musiker benannt?"
"Und da sind dir keine Deutschen eingefallen?"
"Lass ihn bitte in Ruhe."
Nun verwandelte sich der Gesichtsausdruck seines Großvaters noch einmal. Sein Blick wurde klar und kühl.
"Du hast ihn sehr lieb, nicht wahr?"
Er nickte.
"Dann sieh jetzt genau hin?"
Die dünnen knochigen Finger schlossen sich so plötzlich um den zitternden Körper des kleinen Hamsters, dass es nicht einmal mehr ein Piepsen von sich geben konnte. Mit einem hässlichen Knirschen brachen seine dünnen Knochen. Er hörte es knacken, er sah den irren, funkelnden Blick seines Großvaters wie er die Hand mit aller Kraft zusammen quetschte. Er brachte keinen Ton heraus, starrte fassungslos auf das zuckende Haarknäuel. Mit einem Lächeln ließ der alte Mann schließlich von dem Tier ab, schenkte ihm einen abschätzenden Blick und warf es dann in eine Ecke des Stalls, als wäre es eine Handvoll Dreck.Tränen verschleierten seinen Blick. Wieso hatte dieser böse alte Mann das getan?
"Du willst doch nicht, dass diesen anderen kleinen Missgeburten das gleiche passiert, nicht wahr?"
"Nein", schluchzte er.
"Das habe ich mir gedacht."
Die Musik hörte plötzlich auf. Ängstlich wand er seinen Kopf in Richtung Haus. Der Großvater schnaubte verächtlich.
"Vergiss es kleiner. Sie wird nichts hören. Sie wird nichts hören, nichts sehen und nichts merken. Wir haben hier draußen unsere Ruhe, vertrau mir. Ich werde dir jetzt etwas zeigen, etwas sehr wichtiges, etwas, was du dein ganzes Leben nicht vergessen darfst."
Aber bevor er sich erinnern konnte, was es war saß er plötzlich wieder hinter dem Lenkrad und sah den blinden Jungen vor sich auf der Straße. Er lächelte ihm zu. Kurz. Dann prallte sein Gesicht gegen die Windschutzscheibe.


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Artikel erstellt am 29.06.2010 um 23:26 Uhr
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