FLUT Zweiter Teil, Folge 11/49

„Verdammte Scheiße!“
Frank Mabus schlug mit der flachen Hand so stark er konnte auf den kleinen Schwarzweiß- Fernseher auf seinen Knien, leider ohne die erhoffte Wirkung. Auf dem mickrigen Bildschirm war weiterhin nicht mehr als ein schattiges Flimmern zu erkennen. Er hatte sich in der Wäschekammer eingeschlossen, damit er seine Ruhe hatte. Schon früher war er hier öfters hergekommen wenn ihn seine Frau und die Kinder zur Weißglut gebracht hatten, aber in letzter Zeit schloss er sich immer öfter ein.

Seit er dieses Kind tot gefahren hatte, hatte sich einiges verändert. Einiges? Auch wenn die Strafanzeige gegen ihn fallen gelassen würde, seinen Job konnte ein für alle mal an den Nagel hängen. Man hatte ihn in erstmal in Urlaub geschickt, aber auch wenn sich die Spedition für die er nun schon fünf Jahre lang gefahren war sich die Sache anders überlegte und ihn zurück in den Dienst beordern würde, war er sich sicher, niemals wieder hinter das Steuer einen Lastwagens zu sitzen. Frank gab dem Fernseher einen weiteren Schlag, diesmal jedoch nicht ganz so fest und das Bild kehrte zurück.
„… seltsames Phänomen. Seit gut zwei Wochen beschäftigen sich die wichtigsten Wissenschaftler der ganzen Welt damit, ohne Ergebnisse. So etwas hat es in der Geschichte der Menschheit bisher nicht gegeben …“
Zuckende Bilder aus der ganzen Welt. London, im Regen. New York, im Regen. Weiter noch nicht ungewöhnlich.
„… viele religiöse Gruppen sprechen von einer kommenden Sintflut mit biblischen ausmaßen…“
Das Taj Mahal, im Regen. Die Pyramiden von Gizeh, im Regen!
„… wie ist so etwas möglich. Am zwölften Juli um 17:31 mitteleuropäische Zeit, begann es auf der ganzen Welt zu regnen. Das ist jetzt genau drei Wochen her…
Die Sahara, ein reißender Fluss, im Regen.
… aber neueste Berichte aus Indien zeigen noch weitere, beunruhigende Erkenntnisse…“
Ein Ghetto in Delhi, im Regen.
…Norbert Eckstein, unser Korrespondent vor Ort zu der eskalierten Situation in der Hauptstadt…“
Es klopfte an die Tür.
„Was ist da? Lasst mich in Ruhe!“
„Telefon für dich“, sagte die immer beschlagene Stimme seiner Frau durch die Wand. Als hätte sie einen Frosch im Hals, und würde sich nie räuspern, dachte Frank.
„…Danke Hermann. Ja, es scheint die Menschen hier würden krank von…“
Wieder verschwand das Bild, der Fernseher gab ein Geräusch von sich wie eine lästige Wespe direkt neben dem Ohr.
„Wer ist es denn?“
„Ich weiß es nicht. Jetzt mach die Tür auf! Was tust du überhaupt da drin.“
„Ich hole mir einen runter und rauche ein paar Joints“, sagte er leise.
„Was hast du gesagt?“
„Nichts!“ Er versetzte dem Fernseher einen letzten Stoß. Für einen kurzen Moment tauchte vor ihm das schwarzweißverzerrte Bild von Leichen auf, die den Ganges hinuntertrieben, dann erlosch es ganz. Frank seufzte, stellte den Fernseher zurück auf den Boden, stand auf und öffnete die Tür.
„Ich habe gesagt, dass ich mir nur in Ruhe die Nachrichten ansehen wollte.“
„Und wozu schließt du dich dazu ein?“
Frank betrachtete seine Frau und in seinem ganzen Leben hatte er noch keinen Menschen so verabscheut.
Sie hatten sich genau vor fünfzehn Jahren kennengelernt. Frank war damals noch kein Lastwagenfahrer gewesen, sie war damals keine entnervte Hausfrau mit kleinen Schildkrötenkopf, Doppelkinn und Zellulitisarsch gewesen. Nein, damals war er gar nichts gewesen, aber zumindest hatte er einen Traum von sich gehabt. Sie war eine Kellnerin, die an seinen Traum geglaubt hatte. Trotzdem fragte er sich in letzter Zeit immer wieder, wie er sich überhaupt in diese Frau hatte verlieben können. Es vielen ihm einfach keine plausiblen Gründe mehr dafür ein.
Selbst wenn er Fotos aus der Zeit betrachtete, in der sie beide glücklich gewesen waren – waren sie glücklich gewesen? – empfand er auch bei großer Anstrengung nicht das geringste Gefühl Nostalgie. Am liebsten hätte er die Zeit umgedreht und alles rückgängig gemacht. Sein ganzes Leben, am besten. Bis das auf den Jungen. Frank schauderte bei dem Gedanken, aber es war wahr.
Den Jungen hätte ich so oder so überfahren, dachte er. Ganz egal was aus meinem Leben geworden wäre. Seine Zeit war einfach abgelaufen, ich war zur Stelle.

Er folgte seiner Frau in das Wohnzimmer. Der Hörer des Telefons lag mit der Sprechmuschel nach oben neben dem Apparat, so, als hätte es immer noch ein Kabel, so, als hätte sie es ihm nicht einfach durch einen Türspalt in die Wäschekammer reichen können!
„Wer ist es?“, fragte er noch einmal. Sie zuckte mit den Achseln und ging in die Küche. Frank sah ihr beim hinausgehen auf den Hintern. In den engen Jeans die sie trug, konnte man den festen Arsch erahnen, der ihn früher so angezogen hatte.
„Hallo“, sagte er gereizt in den Hörer. „Frank Mabus!“
„Hallo Frank“, sagte eine leise Stimme.
„Mit wem spreche ich?“
„Sie kennen mich nicht. Mein Name ist Oskar Belvin.“
„Und was wollen sie … Oskar Belvin?“
„Ich möchte mit ihnen über Esra Dunkel sprechen?“
Frank erstarrte. Der Name hallte in seinem Kopf wieder. Ein bohrendes Echo. Er warf einen schnellen Blick in die Küche. Er konnte seine Frau durch die Durchreiche hindurch sehen, wie sie schmutziges Geschirr in die Spülmaschine räumte. Langsam und bedächtig nahm sie jeden Teller in die Hand, als sei er mehr wert als jedes Lebewesen auf diesem Planeten.
„Sie meinen den Jungen, den ich überfahren habe?“ Er gab sich Mühe so leise zu sprechen, dass ihn seine Frau unmöglich hören konnte.
„Ja“.
„Was haben Sie mit der Sache zu tun? Sind sie von der Polizei?“
„Nein“, sagte die leise Stimme. „Haben Sie einen Augenblick Zeit?“
Wieder sah Frank zu seiner Frau.
„Ja, warten Sie kurz!“
Kurz überlegte er, ob er zurück in die Wäschekammer gehen sollte, hatte dann aber eine bessere Idee. Mit schnellen Schritten durchquerte er den Raum, öffnete die Tür zum Treppenhaus, zögerte für einen Moment und ging dann ohne Licht zu machen hinunter in den Keller. Dort unten würde er seine Ruhe haben, das wusste er. Keiner aus seiner Familie ging gerne hier hinunter und seit es nicht mehr aufhörte zu Regnen, lag der ganze hintere Teil unter Wasser. Letzte Woche hatte Frank mit Hilfe seiner beiden Söhne den ganzen Keller ausgeräumt. Julian war zwölf, Simon erst neun. Beide waren nicht wirklich eine Hilfe gewesen, aber seit die Nachbarn das mit dem toten Kind in der Zeitung gelesen hatten, hatte er keinen von ihnen mehr zu Gesicht bekommen, obwohl sie davor eigentlich gut miteinander ausgekommen waren.
Frank ging in einen der hinteren Räume, schloss die Tür hinter sich und drückte erst dann den Lichtschalter. Die Neonröhren an der staubigen Decke begannen zu summen, tankten auf und erhellten den schmutzigen und nassen Raum Momente später mit kaltem, aber hellem Licht. Irgendwie roch es nach Äpfeln. Das erinnerte ihn an etwas.
„In Ordnung“, sagte er. „Ich bin ganz Ohr. Was haben Sie mir zu sagen? Und ich warne Sie gleich im vorraus, sollte das ein dummer Scherz sein finde ich raus, wo Sie wohnen und prügle Ihnen die Eingeweide raus, versprochen!“
Kurz blieb es still am anderen Ende, aber dann war die leise Stimme wieder zu hören, nicht ganz so klar wie oben im Wohnzimmer, aber trotzdem gut verständlich.
„Nein, keine Angst, so etwas würde ich nicht tun.“
„Dann ist ja gut“, sagte Frank etwas patzig.
„Der Grund für meinen Anruf“,  fuhr die Stimme unbeirrt fort, „ist ein etwas ungewöhnlicher. Es muss sich zugegebenermaßen etwas verrückt für Sie anhören, aber dennoch bitte ich sie mir bis zum Ende zuzuhören. Ich meine wirklich ernst was ich ihnen zu sagen habe. Ist das in Ordnung?“
„Jetzt rücken Sie schon mit der Sprache raus!“, forderte ihn Frank auf, der langsam die Geduld verlor.
„Mir sind ein paar sehr beunruhigende Dinge aufgefallen. Glauben Sie mir, ich würde Ihnen nichts davon erzählen, wenn ich mir nicht absolut sicher wäre, dass es von unabdinglicher Wichtigkeit wäre. Ich kann verstehen, wie hart das für Sie sein muss.“
„Schon gut, erzählen Sie ... Oskar.“
„Esra Dunkel, der blinde Junge den … Sie wissen schon, er war ein Schüler von mir. Der einzige Schüler. Sein Vater hat mich dazu überredet ihn zu unterrichten. Ich bin Pianist müssen Sie wissen. Ich hatte eine Weltkarriere, habe mich dann aber vor ungefähr sieben Jahren zurückgezogen.“
„Hören Sie… ich habe es der Polizei schon gesagt. Der Junge ist mir direkt vor den Laster gelaufen, ich hatte…“
„Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Ich würde Ihnen nur gerne das Stück zeigen, dass er zuletzt bei mir gespielt hat.“
„Ein Stück?“
„Ja, Johann Sebastian Bach. Die Kunst der Fuge, der Contrapunktus I.“
Frank zog misstrauisch die Augenbraun zusammen.
„Ich mach mir nicht viel aus Musik.“
Das Kellerlicht summte, erlosch für einen kurzen Moment und flackerte dann in unregelmäßigen Abständen. Frank versuchte es zu ignorieren.
„Tun Sie es. Geben Sie mir ein paar Sekunden.“
„Also schön.“
Frank hörte wie der Hörer auf einen Tisch gelegt wurde. Dann entfernten sich Schritte und kurz darauf konnte er die Musik hören. Frank erstarrte beim ersten Ton. Auf einen Schlag fiel ihm plötzlich alles wieder ein. Es war das Lied, das seine Großmutter gespielt hatte, als er Großvater in die Scheune gefolgt war. Er hatte davon geträumt. Plötzlich fiel ihm wieder alles ein, was Großvater ihm gezeigt hatte, kurz nachdem er seinen Hamster zerquetscht hatte. Dieses miese alte Scheusal hatte alles gewusst. Aber wie … wie war das möglich?
Die Musik verstummte.
„Erinnern Sie sich.“
Frank nickte. „Wie konnte ich es nur vergessen…?“
„Kennen Sie das Dorf Schattenbach?“
Frank war nicht überrascht.
„Ja.“
„Wie schnell können Sie es schaffen dort zu sein?“
Frank sah auf seine Armbanduhr und antwortete ohne zu überlegen.
„Wenn ich gleich losfahre, brauche ich wahrscheinlich einen halben Tag.“
„Ich wohne im Schmetterlingsgarten 22. Holen Sie mich ab. Ich erwarte Sie in einer Stunde, geht das?“
„Ja, bis gleich.“
Frank legte auf ohne eine Antwort abzuwarten, setzte sich auf den Boden und starrte zu den flackernden Neonröhren hinauf. Wie hatte er das nur vergessen können? So etwas vergaß man doch nicht. Vor ihm tauchte plötzlich das Gesicht des Großvaters auf, ganz nah vor seinem, die große, von Adern durchzogene Nase wenige Millimeter vor seinen Augen. Er konnte den sauren Atem des alten Mann riechen, als wäre er in diesem Moment tatsächlich anwesend.
„Ich werde dir nun etwas zeigen. Du wirst keiner Menschenseele davon erzählen, nicht deiner Großmutter, nicht deinen Eltern und auch sonst niemand, verstanden?“
Frank schauderte, stand auf und ging nach oben, um so schnell wie möglich ein paar Sachen einzupacken. Seine Frau, die ihn mit ängstlichem Blick dabei beobachtete ignorierte er.
 




Artikel erstellt am 09.08.2010 um 23:03 Uhr // 3221 Views





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1 Kommentare zu diesem Beitrag


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28.09.2010 um 01:15