Joachim hatte ein merkwürdiges Gefühl in Kirchen gehabt, seit er das erste Mal eine betreten hatte. Die kühle Andacht, die fast ehrfürchtig drückende Stille, das seltsame Verhalten der Menschen in ihnen hatten auf ihn immer fremd und abweisend gewirkt, abweisend oder bedrohlich. In Schattenbach war es unüblich Sonntags nicht in der Kirche zu erscheinen, trotzdem mieden seine Mutter und er den Gottesdienst für gewöhnlich. Madeleine Cranach hielt nicht sehr viel von Religion und Gott. Die Zeiten waren vorbei an denen man für solch eine Einstellung gesteinigt worden war, aber trotzdem wurde sie in ganz Schattenbach misstrauisch als Fremde beäugt und hinter ihrem Rücken wurde einiges getuschelt. Joachim hatte die Abneigung der Eltern schmerzhaft an der Abneigung seiner Mitschüler übertragen gespürt. Zumindest bis zu dem Tag, als es begonnen hatte zu regnen. Danach hatten sie ihn in Ruhe gelassen. Er blickte aus dem Fenster von Pater Ergens Büro und sah zu wie die Regentropfen auf dem milchigen Glas zerplatzten. Er zog seine feuchte Jacke etwas enger um die Schultern. Seit zwei Wochen regnete es ohne Unterlass, Tag und Nacht. Der Mondsee war angeschwollen und über seine Ufer getreten. Das halbe Dorf hatte Wasser in den Kellern und es sah nicht so aus, als würde es besser werden. Ganz im Gegenteil. "Willst du einen Keks?" Pater Ergen hielt ihm einen Teller mit grauen Keksen unter die Nase. Joachim schüttelte den Kopf. Er konnte den alten Mann nicht ausstehen. Er versuchte zwar zu lächeln, aber Joachim spürte, dass es nicht ernst gemeint war. Der Pater hatte einen unförmlich dicken Kopf, buschige graue Augenbraun und seine große Nase ragte weit über seine schmalen Lippen, als er sie zu seinem falschen Grinsen verzog. "Wirklich nicht?" Joachim schüttelte den Kopf. Pater Ergen zuckte mit den Achseln, steckte sich selbst eines der grauen Stücke in den Mund und stellte den Teller zurück auf den monströsen Schreibtisch der zwischen ihnen stand. "Also", begann er umständlich, anscheinend ließ sich der Gegenstand in seinem Mund nicht so ohne weiteres kauen, "der Grund warum ich deine Mutter gebeten habe, mit dir sprechen zu wollen ist folgender". Er unternahm einen mutigen Versuch zuzubeißen, verzog unmittelbar schmerzhaft das Gesicht und griff nach einer Serviette. "Entschuldigung", sagte er und spuckte den Keks aus."Gut, dass du sie nicht probiert hast." Er blickte angewidert auf den grauen Brocken Mondgestein. "Schmecken widerlich! Schwester Agnes ist, nun ja, sie kann überhaupt nicht backen." Er wischte sich über den Mund, leckte sich einmal Geräuschvoll über die Zähne und fuhr dann fort: "Ich habe lange darüber nachdenken müssen, ob ich mit dir sprechen sollte, aber schlussendlich hielt ich es für das klügste, auch wenn ich damit gegen das heilige Gebot der Schweigepflicht verstoße. Aber ich habe keine andere Wahl." Er sah Joachim herausfordernd an, als erwarte er einen Einwand. Joachim schwieg. "Vor einer Woche ist ein Mann bei mir gewesen und hat die Beichte abgelegt. Sein Name war Karl Schuhmann. Kennst du diesen Mann?"Pater Ergen zog seine buschigen Augenbraun nach oben, als würde er die Antwort nicht kennen.Joachim nickte. "Du kennst ihn", sagte der Pater. "Nun, Karl Schuhmann hat mir eine sehr seltsame Geschichte erzählt. Kannst du dir vielleicht vorstellen, was er mir erzählt hat?" Joachim schüttelte den Kopf. Immer wieder viel sein Blick auf den heiligen Sebastian hinter Pater Ergen. Er stand dort an einen Baum gebunden, von Pfeilen durchbohrt und blickte melancholisch und traurig zu ihm hinüber. Solche Bilder waren eines der vielen Gründe, warum er sich in Kirchen nicht wohl fühlte. "Wirklich nicht? Ich denke, du weißt ganz genau was mir Karl Schuhmann erzählt hat. Eine sehr verwunderliche Geschichte über seine Tochter. Linda. Du kennst sie? Nicht wahr?" Wieder nickte Joachim. "Sie ist sehr krank, die Ärzte hatten sie schon vor drei Monaten aufgegeben. Wusstest du davon?" Diesmal schüttelte Joachim den Kopf. Der heilige Sebastian sah ihn ernst an. "Karl Schuhmann vertraute mir eine höchst seltsame Begegnung seiner Tochter mit dir an. Du sollst vor zwei Wochen bei ihnen zu Hause aufgetaucht sein. Du hättest mit Linda gesprochen. Danach hat sie alle gebeten das Zimmer zu verlassen. Widerwillig hat euch der Vater allein gelassen, aber er tat es. Stimmt das alles soweit?" Joachim blieb stumm. Pater Ergen nahm sein Schweigen nach einer kurzen Pause als Zustimmung. "Nachdem du dort drin gewesen bist, bei Linda, als die Eltern und Geschwister wieder zu ihr ins Zimmer kamen, da ... ging es Linda besser, nicht wahr?" Wie es sich wohl anfühlte, wenn man von Pfeilen durchbohrt wurde? Joachim schauderte bei dem Gedanken. Er sah zu Boden, er hatte keine Lust sich zu erinnern. "Ich habe Linda gestern gesehen. Ich war bei Schuhmanns zu Hause und habe sie mit eigenen Augen gesehen!" Er beugte sich nun weit über den schweren Schreibtisch. Seine wulstige Nase zitterte wenige Zentimeter vor Joachims Gesicht und auf seinen Backen wurden dunkelrote Flecken sichtbar. "Linda ist wohl auf", flüsterte er. "Ihr geht es so gut wie schon ein ganzes Jahr nicht mehr." Ein seltsam zischender Ton fuhr durch seine zusammengekniffenen Zähne. Joachim versuchte dem Blick des Paters stand zuhalten, aber es gelang ihm nicht. Zu tief versuchte der alte Mann mit seinen kleinen schwarzen Äuglein in ihn hineinzubohren, gierig auf das, was sich dort hinter seinem blassen Gesicht verbarg. "Karl Schuhmann ist kein Spinner, ein sehr weltlicher Mann, für meinen Geschmack sogar ein bisschen zu weltlich. Er schwört darauf das du etwas mit seiner Tochter angestellt hast, dort, als ihr allein zusammen in dem Zimmer gewesen seit." Joachim sah nur kurz auf. Das Gesicht des Pfarrers war noch ein Stückchen näher gekommen. Er roch unangenehm nach Tabak und sauer nach Wein. "Du hast etwas mit Linda getan, nicht wahr?" Joachim versuchte hinter dem milchigen Glas des Fensters hinaus aus die Straße zu sehen. Umrissartig erkannte er dahinter ein vorbeifahrendes Auto. Ein Blitz erhellte für wenige Sekunden den dunkelgrauen Himmel, während es hinter der nächsten Kurve verschwand. Joachim sah ihm nach. Es war ein Volvo, ein schwarzer Volvo. Er gehörte einem Mann, den Joachim schon einmal gesehen hatte. Er konnte sich nur nicht mehr daran erinnern wo. Es kam ihm vor, als habe er schon einmal von ihm geträumt und es vergessen. "Du musst es mir sagen. Weißt du denn nicht, was das bedeuten würde. Kannst du dir denn nicht vorstellen was für ein Zeichen du für ... für ... er brach ab, eiferte nach Worten. "Du wärst das Zeichen auf das alle so sehnsüchtig warten, die Gewissheit ... " Er verschluckte sich. Speicheltropfen flogen Joachim entgegen. Die wenigen dünnen Haare standen Pater Ergen zu Berge. Er streckte beide Hände aus und fasste Joachim fast zärtlich über das Gesicht. "Was hast du getan Junge, was hast du mit Linda getan?" "Ich weiß es nicht", sagte Joachim. "Du weißt es nicht, versuche dich zu erinnern. "Ich kann es nicht", sagte Joachim mit ruhiger Stimme. "Du musst! Du bist verpflichtet es mir zu sagen." Es klopfte. Pater Ergen sah verärgert zu Tür, dann ließ er sich wieder auf seinem Stuhl zurück sinken, schenkte Joachim einen letzten bedrängenden Blick und sagte dann: "Herein." Bevor sich die Tür öffnete wusste Joachim, dass es sich bei dem unerwünschten Gast um seine Mutter handelte und er war froh, dass sie kam. "Verehrte Frau", sagte der Pater, nun wieder völlig gefasst, als Madeleine Crawl den Raum betrat. Sie war eine hübsche, aber abgeschaffte junge Frau. Pater Ergen hatte es bisher vermieden mit ihr in persönlichen Kontakt zu treten. Er hielt nicht sehr viel von ledigen jungen Müttern, die ihn und seine Kirche mieden. Er konnte Frauen in diesem Alter im Allgemeinen nicht ausstehen. Sie trug einen vollkommen durchnässten blauen Regenmantel mit Kapuze und stand nun, auf den roten Perser tropfend, mitten im Raum, direkt hinter Joachim und sah ihn entschlossen an. "Entschuldigen sie Pater, aber mein Sohn muss sie nun leider verlassen." "Aber ich dachte ... ich dachte, wir hätten eine Vereinbarung." "Es tut mir leid", unterbrach sie ihn. "Ich habe noch einmal über das ganze nachgedacht, über das, was sie mir am Telefon erzählt haben, sie wissen schon ..." Sie sah nervös auf Joachim hinunter. "Ich glaube nicht, dass es zu diesem Zeitpunkt gut für den Jungen wäre. Er hat es sowieso schon schwer genug." Pater Ergen erhob sich. "Bitte hören sie mich an", sagte er. "Ich muss nur kurz mit ihrem Sohn reden, unter vier Augen, nur noch kurz." Madeleine schluckte."Nein", sagte sie dann. "Ich nehme Joachim wieder mit. Es war eine dumme Idee." "Verehrte Frau, Sie haben ja gar keine Ahnung" "Genauso viel oder wenig wie sie, Pater." Seine Augen weideten sich und er ließ sich wieder zurück auf seinen Stuhl fallen. Ein paar Momente sah er sie so an, als habe er nicht verstanden was sie gesagt hatte, aber dann konzentrierte sich plötzlich in ihm die ganze Abscheu gegen alle ledigen Mütter in Madeleins Alter auf die junge Frau, die ihn immer noch herausfordernd ansah. Dreist und verdorben. Pater Ergen holte Luft. "Versündigen Sie sich nicht", sagte er ruhig und bedrohlich. "Dieses Kind ist ein Zeichen des Herrn." Wieder schenkte Madeleine Joachim einen schnellen Blick. Dann ergriff sie seine Hand und zog ihn auf die Beine."Wir gehen jetzt", sagte sie. Pater Ergen stand wieder auf. "Sie haben kein Recht ihren Sohn Gott vorzuenthalten", donnerte er über seinen Schreibtisch. "Sie haben kein Recht dazu!" "Auf Wiedersehen, Pater", sagte Madeleine gefasst und verließ mit Joachim an der Hand den Raum. Pater Ergens Herz schlug als wolle es ihm aus der Brust springen. Schnell kam er um seinen Schreibtisch herum, und sah gerade noch Joachims Gesicht in der Tür verschwinden. Er sah ihn genauso teilnahmslos an, wie er ihn die ganze Zeit über angesehen hatte. Melancholisch und Traurig. Dann spürte er, wie ihn etwas durchbohrte, mitten durchs Herz. Mit einem Schlag bekam er keine Luft mehr und ihm wurde heiß. Er erstarrte, wollte schreien, aber kein Laut drang aus seiner Kehle. In seinem ganzen Leben hatte er noch keinen vergleichbaren Schmerz gespürt. Etwas, dass sich wie glühendes Eisen anfühlte bohrte sich durch seine Brust. Direkt vor ihm stand der heilige Sebastian, vier Pfeile in der Brust und sah ihm melancholisch beim Sterben zu. Er hatte die eindeutig die Augen des Jungen.Eine weitere Schmerzenswelle traf ihn. Das Bild vor ihm begann zu verschwimmen. "Ich will noch nicht" Das war Pater Ergens letzter Gedanke bevor er tot auf dem feuchten Perserteppich zusammensank.
Der schwarze Volvo biegt kurz nachdem er Schattenbach verlassen hat nach rechts ab. Er fährt eine abgelegene Straße entlang die ihn durch ein kleines Wäldchen führt und schließlich zu einem alten dunklen Bauernhof bringt. Dort hält er. Ein Mann in Regenmantel und Hut steigt aus und geht zur Tür. Langsam streckt er eine Hand Haus, sie ist dürr und alt mit spitzen gelben Fingernägeln, die nun, im Regen fast unhörbar über das alte Holz der Tür kratzen. "Ist niemand zu Hause?", flüstert der Mann. Tief drinnen in der Dunkelheit des alten Hofes beginnt sich etwas zu regen, während unaufhörlich Regen auf das Dach trommelt.
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Artikel erstellt am 29.06.2010 um 14:28 Uhr 2859 Views, 0 Kommentare, 0 mal in den Favoriten
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