FLUT Erster Teil, Folge 6/49

Martin wachte schweißüberströmt auf. Ihm kam es vor, als hätte ihn sein eigener Schrei geweckt, doch er war sich nicht sicher. Es dauerte ein paar Momente, bis er sich bewusst wurde wo er war. Er lag auf der Couch im Wohnzimmer. Den Fernseher, den er stumm geschaltet hatte warf ein schales und flimmerndes Licht in den Raum.
Sein Hemd war klatschnass und er fühlte sich fiebrig. Gott, so schlimm hatte er noch niemals zuvor in seinem Leben geträumt. Normalerweise konnte er sich gar nicht an seine Träume erinnern und wenn, dann waren sie meistens so surreal, dass sie für ihn keinen Sinn ergaben und er sie gleich wieder vergaß. Aber diesmal war es anders gewesen. Die Bilder waren so stark, als wäre sein Traum wirklich passiert.
Eigentlich waren sie stärker, als reale Bilder, dachte er. Er hatte von Esra geträumt, das erste Mal seit er gestorben war. Martin hatte immer Angst gehabt von ihm zu träumen. Er hatte gedacht, er würde träumen, sein Tod wäre nur ein Traum gewesen und Esra würde noch leben. Und dann aufzuwachen um zu erleben, dass es doch Realität war, hätte er nicht verkraftet.
Aber es war noch schlimmer gekommen, noch viel schlimmer.
In seinem Traum war er wieder in Esras Zimmer. Sein Sohn saß an dem Klavier und spielte Bach, den Contrapunktus I. Aber dann sah er genauer hin und bemerkte, dass Esra gar nicht spielte, er tat nur so. Die Musik kam von dem Plattenspieler den er gestern in seinem Tobsuchtsanfall kaputt geschlagen hatte. Glenn Gould spielte und summte. Martin wollte auf Esra zugehen, er wollte ihn anfassen, ihn umarmen, aber irgendein Gefühl sagte ihm, dass er es nicht durfte. Dann drehte sich Esra zu ihm um und Martin konnte erkennen, dass sein Gesicht von dem Unfall grausam entstellt war. Dafür waren seine Augen nicht mehr milchig weiß sondern klar und sehend, fast leuchtend in dem trüben Licht des Zimmers. Esra sah ihn an, das erste Mal in seinem Leben sah er ihn an. Martin wollte am liebsten davon laufen, aber er konnte seine Beine nicht bewegen. Er hatte überhaupt keine Macht über sich. Er wollte sprechen, aber auch das gelang ihm nicht. Das Klavierspiel hatte aufgehört, als Esra sich zu ihm umgedreht hatte, aber das Summen, dieses hohe leicht schräge Summen, war geblieben und nun wurde es lauter. Und plötzlich kam es nicht mehr von dem Plattenspieler sondern aus Esras Mund. Und sie waren auch nicht mehr in seinem Zimmer sondern Esra lag nun vor ihm auf der Straße, tödlich verletzt. Die Sonne schien, es war ein herrlicher Tag. Er lag vor ihm auf dem warmen Asphalt und summte. Dann sprach er, ganz leise und mit fremdartiger Stimme.
„Das ist meine Musik“, sagte er. Seine Stimme hörte sich an, als wäre sie auf Tonband aufgenommen worden.
„Das ist meine Musik, sie ist nicht für dich bestimmt. Du kannst sie nicht verstehen und ich hatte gehofft du würdest sie niemals finden.“
Und dann begann er zu weinen, Martin brach es fast das Herz, aber er konnte nicht einschreiten.
„Bitte“, fuhr Esra schluchzend fort. „Bitte, höre sie nie wieder, lass deine Finger davon.“
Und dann schrie er plötzlich und sein Gesicht war nun Martins ganz nah. Es war grausam entstellt: „Meine Musik, meine Musik, meine Musik…
Martin versuchte zu entkommen und dann gelang es ihm ebenfalls zu schreien. Und davon wachte er auf.

Martin sah erst auf die Uhr, als er Belvins Nummer schon gewählt hatte und den Hörer bereits an sein Ohr drückte.
Verflucht, dachte er. Es ist nach drei Uhr nachts. Schnell wollte er den Hörer wieder auflegen als Belvin abnahm und mit wacher Stimme sagte:
„Martin, sind sie das?“
„Äh...ja, tut mir leid, ich hatte nicht auf die Uhr gesehen, habe ich sie geweckt.
„Nein, nein“, erwiderte Belvin freundlich. „Ich habe Ihnen gesagt sie könnten rund um die Uhr bei mir anrufen, das war ernst gemeint.“
„Gott sei Dank, ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich sie anrufe, ich habe nur so fürchterlich geträumt.“
„Wollen sie mir erzählen, was sie geträumt haben?“, fragte er ohne die geringste Spur Neugier oder Langeweile in der Stimme.
„Ich weiß nicht so recht“, sagte Martin. „Jetzt kommt es mir irgendwie albern vor, es war nur ein fürchterlicher Alptraum, wahrscheinlich hat das gar nichts zu bedeuten.“
„Erzählen sie“, forderte Belvin ihn auf.
Und Martin erzählte ihm den Traum in allen Einzelheiten, alles an was er sich erinnern konnte.
Beim erzählen wurde ihm bewusst, wie schwachsinnig der Traum eigentlich gewesen war. Er wollte ein paar Mal zwischendurch abrechen, aber Belvin beharrte darauf, dass er zu Ende erzählte. Danach fühlte sich Martin besser, er nahm einen Schluck Wasser.
„Und, was meinen sie soll mir dieser Traum sagen?“, fragte Martin dann.
„Was meinen Sie denn, was er ihnen sagen soll?“, erwiderte Belvin.
„Ich weiß nicht so recht, ich kann mir darauf nicht so richtig einen Reim machen, vielleicht hat es etwas mit dem Brief zu tun, den ich von meiner Frau gefunden habe, aber dann verstehe ich den Zusammenhang nicht.“ Martin hatte Belvin von seinem Fund berichtet, als er sich gestern von ihm verabschiedet hatte.
„Hm, vielleicht sind sie auch einfach nur überlastet. Sind sie sich denn sicher, dass sie in dieses Dorf…wie hieß es doch gleich?“
„Schattenbach“, sagte Martin.
„Ja, genau, Schattenbach, sind sie sich wirklich sicher, dass sie dorthin wollen?“
„Ich muss dorthin“, erwiderte Martin. „Ich meine, ich muss doch meiner Frau sagen, dass ihr Sohn gestorben ist.“
„Da stimme ich ihnen zu, keine Frage.“
Martin nickte, sagte aber nichts.
„Ich denke“, fuhr Belvin fort, „es ist ihr gesundes Unterbewusstsein, das sich zu Wort gemeldet hat. Mit all den vielen schrecklichen Sachen, die sie in letzter Zeit erlebt haben ist das nichts Besonderes. Vielleicht sollten sie doch noch mal überdenken, ob sie wirklich richtig handeln. Vielleicht ist es ja besser, sie warten noch ein bisschen und versuchen erstmal Kontakt zu ihrer Frau zu suchen.“
Martin nickte wieder.
„Ja, sie haben wahrscheinlich Recht. Aber ich habe bereits gekündigt, ich kann nicht mehr zurück, ich will es auch nicht.“
„Ich kann das verstehen“, sagte Belvin. „Aber vielleicht überdenken sie es doch noch einmal.
„Ich fahre schon Morgen früh.“
„Kommen sie doch bitte noch einmal bei mir vorbei, bevor sie fahren, ich habe da noch etwas, dass ich ihnen zeigen will.“
„Ja, sehr gerne“, sagte Martin.  Dann legte er auf.






Artikel erstellt am 22.06.2010 um 19:45 Uhr // 3237 Views





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