FLUT Erster Teil, Folge 3/49
Esra Dunkel wurde an einem Mittwochvormittag auf dem städtischen Friedhof im strömenden Regen beigesetzt. Seit seinem Tod regnete es nun als würde der Himmel um ihn weinen. Martin, der es sonst gewohnt war zu predigen, saß in der ersten Reihe und starrte auf den mit Blumen geschmückten Sarg, der direkt vor ihm aufgebahrt war. Ein Foto von Esra war auf seinen Wunsch nicht darauf gestellt worden. Esra war seid seiner Geburt blind, er hatte nie sehen können und es hätte ihm deshalb wahrscheinlich nichts bedeutet.
Der Trauergottesdienst wurde in einer kleinen Kapelle auf dem Friedhof von einem guten Freund und Kollegen geleitet. Die Liturgie war frei und nicht sehr lang. Auch das war sein Wunsch gewesen. Die Kapelle war brechend voll und auch vor ihr hatten sich an die hundert Menschen versammelt, eine Fernsehübertragung, wie es sie sonst für die draußen stehenden gab, viel allerdings aus. Den ganzen Gottesdienst über versuchte Martin traurig zu werden, aber es gelang ihm nicht. Es war viel zu unreal und unverständlich für ihn. Er konnte es nicht begreifen, so viel Mühe wie er sich auch gab. Es war wie als würde sein Hirn nicht zulassen anzuerkennen, dass sein Sohn nun kalt und starr in dem schwarz lackierten Sarg vor ihm lag.
Die meisten Leichen konnte man vor ihrer Beerdigung noch besichtigen, sie waren dann unterhalb der Kapelle in einem Keller aufgebahrt und von irgendwelchen Bestattern meistens zur Unkenntlichkeit hergerichtet. Aber Esras Gesicht war unterhalb der Augen nur noch Brei und sein Arm war bei dem Unfall abgerissen worden, sodass sie sich den Aufwand ihn besuchertauglich herzurichten hatten sparen können.
Nach der kurzen Andacht brachten zwei Friedhofsdiener den Sarg zu seinem Grab. Einem schönen sonnigen Plätzchen hatte man ihm versichert. Ein sonniges Plätzchen - Esra hatte den Sonnenschein immer über alles geliebt - aber die Sonne hatte bisher noch nicht geschienen. Martin vermisste sie aber auch nicht, noch nicht.
Nicht einmal als Esra dann in sein Grab hinab gelassen wurde - hinab gelassen in diese nasse, schmutzige Erde - empfand Martin das Gefühl der Trauer und er konnte seine Mutter, die weinend über dem Grab zusammenbrach, nicht verstehen. Auch die anderen Gesichter, alle mit Tränen in den Augen, brachte er in diesem Moment nur Verachtung entgegen. Er selbst stand ohne auch nur nervös zu blinzeln neben dem Sarg und schüttelte Hände. Eine nach der anderen.
Es schien als wollte die ganze Stadt ihre Anteilnahme zeigen. Viele alte Menschen waren da und Martin vermutete, dass sie gekommen war weil er Pfarrer war. Sie wollten ihr Seelenheil wohl nicht aufs Spiel setzen.
Dann war es endlich vorbei. Martin wollte noch beim Grab bleiben, aber die Friedhofsdiener hatten gleich nach Beendigung der knapp gehaltenen Zeremonie damit begonnen, Erde auf seinen Sohn zu schaufeln.
Dabei zuzusehen hatte er keine Lust, aber ihn schauderte davor nun unter Leute zu gehen, die sich im bürgerlichen Brauhaus mit Gebäck und Kaffee verköstigten. Also ging er einfach noch eine Runde auf dem Friedhof spazieren. Er schlenderte ohne groß auf den Weg zu achten auf den kleinen Pfaden zwischen den zahlreichen Gräbern umher und ließ sich dabei ins Gesicht regnen. Er schloss die Augen und wäre fast mit einem kleinen Mann zusammengestoßen.
„Oh entschuldigen Sie bitte…“, sagte er. Dann erkannte er ihn.
„Belvin, ich hatte sie gar nicht gesehen.“
Belvin sah ihn kurz mit traurigen Augen an.
„Es tut mir leid, aber mir war die Schlange einfach zu lang. Da bin ich einfach ein bisschen herumgegangen. Aber ich kann ihnen ja jetzt die Hand schütteln.“.
„Vielen Dank“, sagte er und meinte es an diesem Tag auch zum ersten Mal ernst.
Dann viel sein Blick auf den Grabstein, vor dem Belvin gestanden hatte.
„Fragen Sie lieber nicht wie es passiert ist“, sagte Belvin
„War das…ihr Bruder?“ Er nickte.
„Ja, das war mein Bruder, er liegt aber nicht hier. Den Grabstein habe ich nur aufstellen lassen um einen Platz zu haben wo ich hin kann.“
„Und, hat es sich gelohnt?“
Belvin zuckte mit den Achseln.
„Ich weiß nur, dass es ihm wahrscheinlich gefallen hätte. Das langt mir!“
Martin stellte sich neben ihn und so standen sie eine Weile schweigend nebeneinander. Nach kurzer Zeit waren sie vollkommen durchnässt.
Als ob der Himmel um Esra weinen würde, dachte Martin. Als ob er an meiner statt um ihn weint.
Den ersten richtigen Zusammenbruch kam dann ganz plötzlich und er traf ihn härter als alles, was er bis jetzt in seinem sechsunddreißigjährigen Leben an Schicksalsschlägen erlebt hatte.
Er wurde zwei Tage nach der Beerdigung von einem Polizisten angerufen, der den Fall untersuchte. Dieser meinte, dass der Fall nun abgeschlossen sei und zu den Akten gelegt werde. Er könne vorbeikommen um die persönlichen Sachen von Esra abzuholen.
Die Polizeidienststelle war ein graues, trostloses Beamtengebäude. Martin bekam ohne Beileidsworte und mit sachlicher Beamtenmiene Esras Kleidung in einer Plastiktüte, seinen Stock und seine total zersplitterte Sonnenbrille ausgehändigt. Der Polizist der sich um den Fall gekümmert hatte, war ein alter, schwerfälliger Mann kurz vor der Pensionierung und Martin sah ihm seine Alkoholkrankheit an der Nase an. Um Fragen zu stellen wurde ihm keine Zeit mehr gelassen, denn es war kurz vor zwölf und Mittagspause.
Er setzte sich ins Auto und fuhr Heim. Dabei hörte er eine CD, die ihm seine Mutter geschenkt hatte. Er kannte den Interpreten nicht, aber er fand die Musik zum kotzen, trotzdem lies er sie laufen, bis er den Wagen in seiner Einfahrt geparkt hatte.
Danach nahm er die Plastiktüte den Stock und die Brille und blieb einen Moment vor seiner Mülltonne stehen. Für einen winzigen Augenblick war er versucht die Sachen einfach hineinzuschmeißen, dann besann er sich aber und nahm sie stattdessen mit ins Haus, schloss die Türe hinter sich und besah sich danach die Kleidung genauer. Eigentlich wollte er gar nicht hinsehen, aber er konnte nicht anders und dann roch er an ihr. Er drückte die schmutzige, blutige Kleidung in sein Gesicht und roch - und es roch nach Esra. Und zwar nicht nach dem gesunden, fröhlichen Esra sondern nach einem sterbenden Esra. Und obwohl ihm der Polizist versichert hatte, dass Esra nichts mehr gefühlt hatte kam es ihm vor als könnte er seine Angst riechen. Seine Angst zu sterben. Ein kaum noch wahrnehmbarer aber trotzdem stechender Schweißgeruch vermischt mit Blut.
Martin bekam für einen Augenblick keine Luft mehr und ihm wurde schwindelig. Es war so unwirklich. Dieser lebendige Geruch einer toten Person. Kurz darauf übergab er sich mitten in den Hausflur auf den Teppich. Danach begann er zu weinen und zwar nicht leise wie er es bisher getan hatte, nein, jetzt schrie er seinen Schmerz heraus. Er brach auf dem Boden zusammen, hielt Esras Kleidung eng an sein Gesicht und betäubte mit ihr seine Schreie. Und mit einem Mal überkam ihn eine solche Wut, ein solcher Zorn wie er ihn noch niemals zuvor gespürt hatte. Und zwar auf Esras Mutter. Sie war von Anfang an, an allem Schuld gewesen. Sie hatte sein Leben verändert, sie hatte ihm einen blinden Sohn geschenkt, sie hatte in ihm die Liebe zu dieser verdammten Musik, ohne die er noch am Leben wäre entfacht und dann hatte sie sich verpisst und ihn allein gelassen. Er hatte Esra allein erziehen müssen, er hatte ihn allein trösten müssen wenn er wegen seiner Mutter geweint hatte, er hatte sich immer allein Sorgen um den Jungen machen müssen und ihn schließlich auch allein beerdigt. Und sie wusste wahrscheinlich nicht einmal, dass ihr Kind tot war.
Er schleuderte die Kleidung in eine Ecke (er musste über eine halbe Stunde dort im Hausflur gekauert haben) und ging immer noch rasend vor Wut in Esras Zimmer.
Es war dafür, dass es einem blinden Jungen gehört hatte außerordentlich hübsch eingerichtet. Es standen sogar Blumen auf dem Fenstersims. Hinter dem Klavier war ein kleines Regal, in dem Esra seine ganzen Noten aufbewahrte. Über die Jahre waren es ziemlich viele geworden. Jetzt riss sie Martin alle aus dem Regal und schleuderte sie durch das Zimmer. Dabei stieß er sich den Fuß an Esras Klavierhocker an, was ihn aber nur noch wütender machte. Er packte den Stuhl und schlug ihn mit aller Kraft auf das Klavier. Es gab ein unschönen, scheppernden hallenden Klang und er spürte regelrecht wie das Holz unter dem Hocker barst. Es war ein befriedigendes Gefühl und Martin schlug noch mal mit aller Kraft zu. Diesmal brach die ganze Vorderseite des Klaviers ab. Martin schlug weiter darauf ein. Wie ein Wahnsinniger und er ließ erst ab davon, als er nicht einmal mehr genug Kraft hatte den Stuhl zu heben.
Erschöpft ließ er sich in eine Ecke des Zimmers sinken und mit tränenverschleiertem Blick sah er auf sein Werk. Er wusste, dass es ihm Morgen wahrscheinlich entsetzlich Leid tun würde, aber im Moment fühlte er sich besser.
Und dann, als er wieder normal sehen konnte, viel sein Blick auf einen zusammengefaltetes, weißes Stück Papier auf dem Boden, dass aus dem Inneren des Klaviers gefallen sein musste.
Neugierig hob es Martin auf und entfaltete es. Er erkannte die Handschrift sofort und für einen Augenblick überlegte er, ob er wissen wollte, was in dem Brief stand. Aber nur für einen winzigen Augenblick. Dann begann er zu lesen.
Lieber Martin, lieber Esra,
Seid Tagen sitze ich nun an diesem Brief und weiß einfach nicht, wie ich ihn beginnen soll. Es fällt mir so schwer, euch zu beschreiben warum ich fort gegangen bin, warum ich mich nicht mehr gemeldet habe und ich glaube, ich werde euch auch keine Gründe nennen können, die ihr verstehen würdet. Ihr müsst mir nur glauben, ich hatte keine andere Wahl. Ich vermisse euch beide so heftig, dass ich Mühe habe klare Gedanken zu formulieren. Aber ich werde euch alles erklären. Ich kann nur unmöglich von hier weg, bitte, vergebt mir nur soweit, dass ihr euch auf den Weg zu mir macht, damit ich die Chance habe mit euch zu sprechen. Ich weiß, ich habe kein Recht, dass von euch zu verlangen, aber ich bitte euch. Ich liebe euch mehr, als mein eigenes Leben und das wird auch immer so bleiben. Bitte kommt. Und kommt bald, bevor es zu spät ist.
In Liebe
Elisabeth
Martin wischte sich über die Augen. Dann las er den Brief noch einmal und dann noch einmal. Nun verstand er die Welt nicht mehr. Warum zum Teufel hatte Esra diesen Brief in seinem Klavier versteckt. Er hatte ihn doch gar nicht lesen können, woher sollte er gewusst haben, dass er von seiner Mutter war?
Martins Wut war verflogen aber besser fühlte er sich nicht. Ihn schauderte sogar ein klein wenig. Was ging hier vor? Esra hatte Nächtelang um seine Mutter geweint. Sie war der wichtigste Mensch in seinem Leben gewesen. Die beiden hatten immer eine so innige Beziehung, dass Martin sich ab und an sogar ertappte darauf Eifersüchtig zu sein.
Warum in aller Welt sollte Esra diesen Brief vor ihm versteckt halten?
Auf der Unterseite des Briefes, war in kleinen, schnörkligen Buchstaben der Absender geschrieben:
Schattenbach am Mondsee, das kleine Haus am See unten am Steg. Hausnummer 3
Darunter stand das Datum. 11. Februar. Der Brief war fast ein halbes Jahr alt. Martin war so verblüfft, dass er einfach so auf dem Boden sitzen blieb. Dann viel sein Blick auf das Regal, wo er vorher die Noten herausgerissen hatte. Hinter den Noten versteckt war eine Schachtel Zigaretten. Davon hatte er gewusst. Das Esra heimlich rauchte, hatte er oft gerochen. Er war Jahrelang selber starker Raucher gewesen und er roch Tabak besser als jeder Spürhund. Er schnappte sich die Schachtel und zündete sich eine an. Seid Esras Geburt war es die erste Zigarette. Er sog den Rauch tief in seine Lungen und spürte, wie es schmerzte, wie sich sein Körper dagegen zu wehren versuchte und gleichzeitig das Befriedigende Gefühl, als der Rauch sein Hirn erreichte und es vernebelte. Für einen kurzen Moment zumindest.
Der Trauergottesdienst wurde in einer kleinen Kapelle auf dem Friedhof von einem guten Freund und Kollegen geleitet. Die Liturgie war frei und nicht sehr lang. Auch das war sein Wunsch gewesen. Die Kapelle war brechend voll und auch vor ihr hatten sich an die hundert Menschen versammelt, eine Fernsehübertragung, wie es sie sonst für die draußen stehenden gab, viel allerdings aus. Den ganzen Gottesdienst über versuchte Martin traurig zu werden, aber es gelang ihm nicht. Es war viel zu unreal und unverständlich für ihn. Er konnte es nicht begreifen, so viel Mühe wie er sich auch gab. Es war wie als würde sein Hirn nicht zulassen anzuerkennen, dass sein Sohn nun kalt und starr in dem schwarz lackierten Sarg vor ihm lag.
Die meisten Leichen konnte man vor ihrer Beerdigung noch besichtigen, sie waren dann unterhalb der Kapelle in einem Keller aufgebahrt und von irgendwelchen Bestattern meistens zur Unkenntlichkeit hergerichtet. Aber Esras Gesicht war unterhalb der Augen nur noch Brei und sein Arm war bei dem Unfall abgerissen worden, sodass sie sich den Aufwand ihn besuchertauglich herzurichten hatten sparen können.
Nach der kurzen Andacht brachten zwei Friedhofsdiener den Sarg zu seinem Grab. Einem schönen sonnigen Plätzchen hatte man ihm versichert. Ein sonniges Plätzchen - Esra hatte den Sonnenschein immer über alles geliebt - aber die Sonne hatte bisher noch nicht geschienen. Martin vermisste sie aber auch nicht, noch nicht.
Nicht einmal als Esra dann in sein Grab hinab gelassen wurde - hinab gelassen in diese nasse, schmutzige Erde - empfand Martin das Gefühl der Trauer und er konnte seine Mutter, die weinend über dem Grab zusammenbrach, nicht verstehen. Auch die anderen Gesichter, alle mit Tränen in den Augen, brachte er in diesem Moment nur Verachtung entgegen. Er selbst stand ohne auch nur nervös zu blinzeln neben dem Sarg und schüttelte Hände. Eine nach der anderen.
Es schien als wollte die ganze Stadt ihre Anteilnahme zeigen. Viele alte Menschen waren da und Martin vermutete, dass sie gekommen war weil er Pfarrer war. Sie wollten ihr Seelenheil wohl nicht aufs Spiel setzen.
Dann war es endlich vorbei. Martin wollte noch beim Grab bleiben, aber die Friedhofsdiener hatten gleich nach Beendigung der knapp gehaltenen Zeremonie damit begonnen, Erde auf seinen Sohn zu schaufeln.
Dabei zuzusehen hatte er keine Lust, aber ihn schauderte davor nun unter Leute zu gehen, die sich im bürgerlichen Brauhaus mit Gebäck und Kaffee verköstigten. Also ging er einfach noch eine Runde auf dem Friedhof spazieren. Er schlenderte ohne groß auf den Weg zu achten auf den kleinen Pfaden zwischen den zahlreichen Gräbern umher und ließ sich dabei ins Gesicht regnen. Er schloss die Augen und wäre fast mit einem kleinen Mann zusammengestoßen.
„Oh entschuldigen Sie bitte…“, sagte er. Dann erkannte er ihn.
„Belvin, ich hatte sie gar nicht gesehen.“
Belvin sah ihn kurz mit traurigen Augen an.
„Es tut mir leid, aber mir war die Schlange einfach zu lang. Da bin ich einfach ein bisschen herumgegangen. Aber ich kann ihnen ja jetzt die Hand schütteln.“.
„Vielen Dank“, sagte er und meinte es an diesem Tag auch zum ersten Mal ernst.
Dann viel sein Blick auf den Grabstein, vor dem Belvin gestanden hatte.
„Fragen Sie lieber nicht wie es passiert ist“, sagte Belvin
„War das…ihr Bruder?“ Er nickte.
„Ja, das war mein Bruder, er liegt aber nicht hier. Den Grabstein habe ich nur aufstellen lassen um einen Platz zu haben wo ich hin kann.“
„Und, hat es sich gelohnt?“
Belvin zuckte mit den Achseln.
„Ich weiß nur, dass es ihm wahrscheinlich gefallen hätte. Das langt mir!“
Martin stellte sich neben ihn und so standen sie eine Weile schweigend nebeneinander. Nach kurzer Zeit waren sie vollkommen durchnässt.
Als ob der Himmel um Esra weinen würde, dachte Martin. Als ob er an meiner statt um ihn weint.
Den ersten richtigen Zusammenbruch kam dann ganz plötzlich und er traf ihn härter als alles, was er bis jetzt in seinem sechsunddreißigjährigen Leben an Schicksalsschlägen erlebt hatte.
Er wurde zwei Tage nach der Beerdigung von einem Polizisten angerufen, der den Fall untersuchte. Dieser meinte, dass der Fall nun abgeschlossen sei und zu den Akten gelegt werde. Er könne vorbeikommen um die persönlichen Sachen von Esra abzuholen.
Die Polizeidienststelle war ein graues, trostloses Beamtengebäude. Martin bekam ohne Beileidsworte und mit sachlicher Beamtenmiene Esras Kleidung in einer Plastiktüte, seinen Stock und seine total zersplitterte Sonnenbrille ausgehändigt. Der Polizist der sich um den Fall gekümmert hatte, war ein alter, schwerfälliger Mann kurz vor der Pensionierung und Martin sah ihm seine Alkoholkrankheit an der Nase an. Um Fragen zu stellen wurde ihm keine Zeit mehr gelassen, denn es war kurz vor zwölf und Mittagspause.
Er setzte sich ins Auto und fuhr Heim. Dabei hörte er eine CD, die ihm seine Mutter geschenkt hatte. Er kannte den Interpreten nicht, aber er fand die Musik zum kotzen, trotzdem lies er sie laufen, bis er den Wagen in seiner Einfahrt geparkt hatte.
Danach nahm er die Plastiktüte den Stock und die Brille und blieb einen Moment vor seiner Mülltonne stehen. Für einen winzigen Augenblick war er versucht die Sachen einfach hineinzuschmeißen, dann besann er sich aber und nahm sie stattdessen mit ins Haus, schloss die Türe hinter sich und besah sich danach die Kleidung genauer. Eigentlich wollte er gar nicht hinsehen, aber er konnte nicht anders und dann roch er an ihr. Er drückte die schmutzige, blutige Kleidung in sein Gesicht und roch - und es roch nach Esra. Und zwar nicht nach dem gesunden, fröhlichen Esra sondern nach einem sterbenden Esra. Und obwohl ihm der Polizist versichert hatte, dass Esra nichts mehr gefühlt hatte kam es ihm vor als könnte er seine Angst riechen. Seine Angst zu sterben. Ein kaum noch wahrnehmbarer aber trotzdem stechender Schweißgeruch vermischt mit Blut.
Martin bekam für einen Augenblick keine Luft mehr und ihm wurde schwindelig. Es war so unwirklich. Dieser lebendige Geruch einer toten Person. Kurz darauf übergab er sich mitten in den Hausflur auf den Teppich. Danach begann er zu weinen und zwar nicht leise wie er es bisher getan hatte, nein, jetzt schrie er seinen Schmerz heraus. Er brach auf dem Boden zusammen, hielt Esras Kleidung eng an sein Gesicht und betäubte mit ihr seine Schreie. Und mit einem Mal überkam ihn eine solche Wut, ein solcher Zorn wie er ihn noch niemals zuvor gespürt hatte. Und zwar auf Esras Mutter. Sie war von Anfang an, an allem Schuld gewesen. Sie hatte sein Leben verändert, sie hatte ihm einen blinden Sohn geschenkt, sie hatte in ihm die Liebe zu dieser verdammten Musik, ohne die er noch am Leben wäre entfacht und dann hatte sie sich verpisst und ihn allein gelassen. Er hatte Esra allein erziehen müssen, er hatte ihn allein trösten müssen wenn er wegen seiner Mutter geweint hatte, er hatte sich immer allein Sorgen um den Jungen machen müssen und ihn schließlich auch allein beerdigt. Und sie wusste wahrscheinlich nicht einmal, dass ihr Kind tot war.
Er schleuderte die Kleidung in eine Ecke (er musste über eine halbe Stunde dort im Hausflur gekauert haben) und ging immer noch rasend vor Wut in Esras Zimmer.
Es war dafür, dass es einem blinden Jungen gehört hatte außerordentlich hübsch eingerichtet. Es standen sogar Blumen auf dem Fenstersims. Hinter dem Klavier war ein kleines Regal, in dem Esra seine ganzen Noten aufbewahrte. Über die Jahre waren es ziemlich viele geworden. Jetzt riss sie Martin alle aus dem Regal und schleuderte sie durch das Zimmer. Dabei stieß er sich den Fuß an Esras Klavierhocker an, was ihn aber nur noch wütender machte. Er packte den Stuhl und schlug ihn mit aller Kraft auf das Klavier. Es gab ein unschönen, scheppernden hallenden Klang und er spürte regelrecht wie das Holz unter dem Hocker barst. Es war ein befriedigendes Gefühl und Martin schlug noch mal mit aller Kraft zu. Diesmal brach die ganze Vorderseite des Klaviers ab. Martin schlug weiter darauf ein. Wie ein Wahnsinniger und er ließ erst ab davon, als er nicht einmal mehr genug Kraft hatte den Stuhl zu heben.
Erschöpft ließ er sich in eine Ecke des Zimmers sinken und mit tränenverschleiertem Blick sah er auf sein Werk. Er wusste, dass es ihm Morgen wahrscheinlich entsetzlich Leid tun würde, aber im Moment fühlte er sich besser.
Und dann, als er wieder normal sehen konnte, viel sein Blick auf einen zusammengefaltetes, weißes Stück Papier auf dem Boden, dass aus dem Inneren des Klaviers gefallen sein musste.
Neugierig hob es Martin auf und entfaltete es. Er erkannte die Handschrift sofort und für einen Augenblick überlegte er, ob er wissen wollte, was in dem Brief stand. Aber nur für einen winzigen Augenblick. Dann begann er zu lesen.
Lieber Martin, lieber Esra,
Seid Tagen sitze ich nun an diesem Brief und weiß einfach nicht, wie ich ihn beginnen soll. Es fällt mir so schwer, euch zu beschreiben warum ich fort gegangen bin, warum ich mich nicht mehr gemeldet habe und ich glaube, ich werde euch auch keine Gründe nennen können, die ihr verstehen würdet. Ihr müsst mir nur glauben, ich hatte keine andere Wahl. Ich vermisse euch beide so heftig, dass ich Mühe habe klare Gedanken zu formulieren. Aber ich werde euch alles erklären. Ich kann nur unmöglich von hier weg, bitte, vergebt mir nur soweit, dass ihr euch auf den Weg zu mir macht, damit ich die Chance habe mit euch zu sprechen. Ich weiß, ich habe kein Recht, dass von euch zu verlangen, aber ich bitte euch. Ich liebe euch mehr, als mein eigenes Leben und das wird auch immer so bleiben. Bitte kommt. Und kommt bald, bevor es zu spät ist.
In Liebe
Elisabeth
Martin wischte sich über die Augen. Dann las er den Brief noch einmal und dann noch einmal. Nun verstand er die Welt nicht mehr. Warum zum Teufel hatte Esra diesen Brief in seinem Klavier versteckt. Er hatte ihn doch gar nicht lesen können, woher sollte er gewusst haben, dass er von seiner Mutter war?
Martins Wut war verflogen aber besser fühlte er sich nicht. Ihn schauderte sogar ein klein wenig. Was ging hier vor? Esra hatte Nächtelang um seine Mutter geweint. Sie war der wichtigste Mensch in seinem Leben gewesen. Die beiden hatten immer eine so innige Beziehung, dass Martin sich ab und an sogar ertappte darauf Eifersüchtig zu sein.
Warum in aller Welt sollte Esra diesen Brief vor ihm versteckt halten?
Auf der Unterseite des Briefes, war in kleinen, schnörkligen Buchstaben der Absender geschrieben:
Schattenbach am Mondsee, das kleine Haus am See unten am Steg. Hausnummer 3
Darunter stand das Datum. 11. Februar. Der Brief war fast ein halbes Jahr alt. Martin war so verblüfft, dass er einfach so auf dem Boden sitzen blieb. Dann viel sein Blick auf das Regal, wo er vorher die Noten herausgerissen hatte. Hinter den Noten versteckt war eine Schachtel Zigaretten. Davon hatte er gewusst. Das Esra heimlich rauchte, hatte er oft gerochen. Er war Jahrelang selber starker Raucher gewesen und er roch Tabak besser als jeder Spürhund. Er schnappte sich die Schachtel und zündete sich eine an. Seid Esras Geburt war es die erste Zigarette. Er sog den Rauch tief in seine Lungen und spürte, wie es schmerzte, wie sich sein Körper dagegen zu wehren versuchte und gleichzeitig das Befriedigende Gefühl, als der Rauch sein Hirn erreichte und es vernebelte. Für einen kurzen Moment zumindest.
Artikel erstellt am 14.06.2010 um 14:20 Uhr // 1544 Views
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