FLUT Erster Teil, Folge 2/49
Am selben Tag und ungefähr zur selben Zeit, als Esra Dunkels Augen für immer geschlossen werden, liegt das kleine verträumte Städtchen Schattenbach wie betäubt von der Hitze in dem wunderschönen Landschaftsparadies am Mondsee. Alles ist ruhig, fast ein bisschen zu still, als wäre etwas passiert. Etwas, das alle Dinge den Atem anhalten lässt, etwas außergewöhnliches, etwas worüber niemand wagt zu flüstern. Die Luft selbst scheint eine leuchtende Flüssigkeit, in der alles badet, in die man eintaucht, in der man schwimmt. Es provoziert aber stillt nicht das Verlangen, das jede Befriedigung steigert.
Unten am Steg sitzt der neunjährige Joachim Cranach, eine Angel in den Händen und die nackten Füße im Wasser baumelnd. Das Wasser plätschert leise, die Wiese duftet nach Sommer, winzige Mücken fliegen um seine Füße und alles wirkt so gespannt und aufgeladen als bräuchte es nur den kleinsten Funken Aktionsenergie, um das ganze Universum explodieren zu lassen. Joachim fischt ohne etwas zufangen, er hat noch nie etwas gefangen, trotzdem liebt er es. Er kann sich eigentlich dabei entspannen, heute nicht. Es war ein sehr anstrengender Tag für ihn, er hätte ihn fast das Leben gekostet, er hat all seine Kraft von ihm gefordert und er ist noch sehr erschöpft. Er weiß noch nicht, ob er sich überhaupt erholen wird.
Nun sitzt er da, mit leerem Blick, die Angel in den Händen und versucht Leben zu tanken, aber es gelingt ihm nicht. Dann steht plötzlich der Mann hinter ihm auf dem Steg; der Vater.
Joachim bemerkt ihn erst, als er spricht und auch dann bleibt er verschwommen.Als er sich neben ihn setzt und seine kräftige Hand auf seine schmalen Schultern legt, werden seine Umrisse klar. Er ist ein großer, mächtiger Bursche. Sein Gesicht ist bleich und seine Augen sind dunkel unterlaufen. Er hat eine harte Zeit hinter sich. Jeder im Dorf weiß, wie sehr er seine Tochter liebt.
"Ich danke dir", sagt er leise. In seiner Stimme ist Unsicherheit.
"Sie ist gesund, du hast sie geheilt!" Nun blickt er ihn an, nicht einmal jetzt versteht er es.
"Wie hast du das gemacht?" Joachim weiß es auch nicht. Im Moment weiß er nicht einmal genau wovon der Mann redet. Er sieht ihn an und in seinen Augen kann er Ehrfurcht und Angst lesen. Das wirkt irgendwie grotesk. Joachim betrachtet ihn, diesen großen unrasierten Mann, der nun so klein und hilflos wie ein Kind da sitzt und aussieht, als habe er einen Geist, eine Fata Morgana, gesehen.
Joachim bringt kein Wort heraus. Er fühlt sich immer noch so schwach und er weiß nicht wie er es erklären soll. Zaghaft zuckt er nur mit den Achseln.
"Ich danke dir", sagt der Mann dann noch einmal, aber ganz leise.
Joachim weiß nicht, ob er das Richtige getan hat, es hätte ihn fast umgebracht und zum zweiten Mal in seinem Leben fühlt er sich unsicher.
"Du bist der Junge Cranach, nicht wahr?" Er nickt. Der Blick des Mannes fällt auf seine Stirn und er sieht die heilende Wunde. Spuren eines Sonderlings, Spuren von Steinen, die sie auf ihn geworfen haben.
"Das waren Thomas und die Jungs, nicht wahr? Die haben das getan, stimmt's?"
Joachim sagt immer noch kein Wort, aber er nickt fast unmerklich. Jeder im Dorf weiß, wie die Jungen in seiner Klasse mit ihm umgehen. Dem Mann scheint das fast peinlich zu sein und er schluckt.
"Egal wer du bist", sagter dann, nun mit fester Stimme. "Egal wer du bist und vor allem was du bist, ich danke Gott dafür, dass es dich gibt und dass du getan hast,was du getan hast. Ich verspreche dir, vom heutigen Tag an wird dich niemand mehr anrühren, mein Ehrenwort darauf. Du hast den wichtigsten Menschen in meinem Leben, meine geliebte Tochter, geheilt. Ich weiß nicht wie, aber ich weiß, dass du es getan hast und vom heutigen Tag an werden ich und meine ganze Familie für immer in deiner Schuld stehen."
Nun hält er seine Hand. Joachim spürt seine raue Pranke, für einen Augenblick kann er seine Dankbarkeit spüren und wie ein Funke springt zu ihm ein klein wenig dieser Kraft über.
"Du hast sie geheilt, du hast einWunder vollbracht. Du bist die Antwort meiner Gebete, ich verspreche dir, dass man dir nie wieder etwas tun wird."
Joachim spürt irgendwo tief in sich drinnen, dass es nicht stimmt. Er fühlt, dass auf ihn noch viel Schlimmeres wartet als Steine, aber trotzdem ist er dem Mann dankbar für seine Worte vor allem für seine Hand.
Dann fängt es an zu regnen, ganz sanft und leicht. Still treffen die ersten Tropfen auf das Wasser und brechen die spiegelglatte Fläche, hinterlassen langsame Ringe als wäre es dickflüssig wie Öl.
"Schau, es beginnt zu regnen", sagt der Mann. "Ich liebe den Regen, er ist herrlich, er wäscht den alten Dreck weg. Heute Morgen bin ich mit dem sicheren Gefühl aufgewacht, dass meine Tochter den Tag nicht überleben wird. Ich bin aufgewacht, nicht wissend, wie ich diesen Tag überstehen sollte. Ich habe Gott verflucht und dann schickt er dich. Du weißt vielleicht, ich war nie ein besonders gläubiger Mensch, auch wenn ich jeden Sonntag in die Kirche gegangen bin. Irgendwie hab ich nie daran geglaubt und dann erlebe ich einWunder."
"Ich mag den Regen auch", sagt Joachim und seine Stimme hört sich eigenartig weit weg an. Als wäre es die eines Fremden. Er sieht in den Himmel und betrachtet dieWolken und plötzlich fühlt es sich an, als ob etwas in Gang gebracht worden wäre. Wieder eines dieser Gefühle, die er nicht erklären kann aber weiß, dass sie stimmen. Der Mann drückt seine Hand noch kurz, dann lässt er sie los und steht auf.
"Ich werde es nicht vergessen." Dann geht er und Joachim fühlt sich wieder einsam. Einsam und verlassen. Traurig sieht er auf den See, langsam werden die Tropfen mehr.
Unten am Steg sitzt der neunjährige Joachim Cranach, eine Angel in den Händen und die nackten Füße im Wasser baumelnd. Das Wasser plätschert leise, die Wiese duftet nach Sommer, winzige Mücken fliegen um seine Füße und alles wirkt so gespannt und aufgeladen als bräuchte es nur den kleinsten Funken Aktionsenergie, um das ganze Universum explodieren zu lassen. Joachim fischt ohne etwas zufangen, er hat noch nie etwas gefangen, trotzdem liebt er es. Er kann sich eigentlich dabei entspannen, heute nicht. Es war ein sehr anstrengender Tag für ihn, er hätte ihn fast das Leben gekostet, er hat all seine Kraft von ihm gefordert und er ist noch sehr erschöpft. Er weiß noch nicht, ob er sich überhaupt erholen wird.
Nun sitzt er da, mit leerem Blick, die Angel in den Händen und versucht Leben zu tanken, aber es gelingt ihm nicht. Dann steht plötzlich der Mann hinter ihm auf dem Steg; der Vater.
Joachim bemerkt ihn erst, als er spricht und auch dann bleibt er verschwommen.Als er sich neben ihn setzt und seine kräftige Hand auf seine schmalen Schultern legt, werden seine Umrisse klar. Er ist ein großer, mächtiger Bursche. Sein Gesicht ist bleich und seine Augen sind dunkel unterlaufen. Er hat eine harte Zeit hinter sich. Jeder im Dorf weiß, wie sehr er seine Tochter liebt.
"Ich danke dir", sagt er leise. In seiner Stimme ist Unsicherheit.
"Sie ist gesund, du hast sie geheilt!" Nun blickt er ihn an, nicht einmal jetzt versteht er es.
"Wie hast du das gemacht?" Joachim weiß es auch nicht. Im Moment weiß er nicht einmal genau wovon der Mann redet. Er sieht ihn an und in seinen Augen kann er Ehrfurcht und Angst lesen. Das wirkt irgendwie grotesk. Joachim betrachtet ihn, diesen großen unrasierten Mann, der nun so klein und hilflos wie ein Kind da sitzt und aussieht, als habe er einen Geist, eine Fata Morgana, gesehen.
Joachim bringt kein Wort heraus. Er fühlt sich immer noch so schwach und er weiß nicht wie er es erklären soll. Zaghaft zuckt er nur mit den Achseln.
"Ich danke dir", sagt der Mann dann noch einmal, aber ganz leise.
Joachim weiß nicht, ob er das Richtige getan hat, es hätte ihn fast umgebracht und zum zweiten Mal in seinem Leben fühlt er sich unsicher.
"Du bist der Junge Cranach, nicht wahr?" Er nickt. Der Blick des Mannes fällt auf seine Stirn und er sieht die heilende Wunde. Spuren eines Sonderlings, Spuren von Steinen, die sie auf ihn geworfen haben.
"Das waren Thomas und die Jungs, nicht wahr? Die haben das getan, stimmt's?"
Joachim sagt immer noch kein Wort, aber er nickt fast unmerklich. Jeder im Dorf weiß, wie die Jungen in seiner Klasse mit ihm umgehen. Dem Mann scheint das fast peinlich zu sein und er schluckt.
"Egal wer du bist", sagter dann, nun mit fester Stimme. "Egal wer du bist und vor allem was du bist, ich danke Gott dafür, dass es dich gibt und dass du getan hast,was du getan hast. Ich verspreche dir, vom heutigen Tag an wird dich niemand mehr anrühren, mein Ehrenwort darauf. Du hast den wichtigsten Menschen in meinem Leben, meine geliebte Tochter, geheilt. Ich weiß nicht wie, aber ich weiß, dass du es getan hast und vom heutigen Tag an werden ich und meine ganze Familie für immer in deiner Schuld stehen."
Nun hält er seine Hand. Joachim spürt seine raue Pranke, für einen Augenblick kann er seine Dankbarkeit spüren und wie ein Funke springt zu ihm ein klein wenig dieser Kraft über.
"Du hast sie geheilt, du hast einWunder vollbracht. Du bist die Antwort meiner Gebete, ich verspreche dir, dass man dir nie wieder etwas tun wird."
Joachim spürt irgendwo tief in sich drinnen, dass es nicht stimmt. Er fühlt, dass auf ihn noch viel Schlimmeres wartet als Steine, aber trotzdem ist er dem Mann dankbar für seine Worte vor allem für seine Hand.
Dann fängt es an zu regnen, ganz sanft und leicht. Still treffen die ersten Tropfen auf das Wasser und brechen die spiegelglatte Fläche, hinterlassen langsame Ringe als wäre es dickflüssig wie Öl.
"Schau, es beginnt zu regnen", sagt der Mann. "Ich liebe den Regen, er ist herrlich, er wäscht den alten Dreck weg. Heute Morgen bin ich mit dem sicheren Gefühl aufgewacht, dass meine Tochter den Tag nicht überleben wird. Ich bin aufgewacht, nicht wissend, wie ich diesen Tag überstehen sollte. Ich habe Gott verflucht und dann schickt er dich. Du weißt vielleicht, ich war nie ein besonders gläubiger Mensch, auch wenn ich jeden Sonntag in die Kirche gegangen bin. Irgendwie hab ich nie daran geglaubt und dann erlebe ich einWunder."
"Ich mag den Regen auch", sagt Joachim und seine Stimme hört sich eigenartig weit weg an. Als wäre es die eines Fremden. Er sieht in den Himmel und betrachtet dieWolken und plötzlich fühlt es sich an, als ob etwas in Gang gebracht worden wäre. Wieder eines dieser Gefühle, die er nicht erklären kann aber weiß, dass sie stimmen. Der Mann drückt seine Hand noch kurz, dann lässt er sie los und steht auf.
"Ich werde es nicht vergessen." Dann geht er und Joachim fühlt sich wieder einsam. Einsam und verlassen. Traurig sieht er auf den See, langsam werden die Tropfen mehr.
Artikel erstellt am 09.06.2010 um 10:24 Uhr // 2680 Views
SHARE
Artikel
in your face
WAS SAGST DU?
ANMELDEN UND KOMMENTAR SCHREIBEN...
ANMELDEN UND KOMMENTAR SCHREIBEN...
2 Kommentare zu diesem Beitrag
Gefällt mir ausserordentlich gut bislang.
mir auch, wird sicher noch extrem spannend!!
