FLUT Erster Teil, Folge 1/49


Es war ein heißer Montag im Juli. Wie jede Woche um halb vier verabschiedete sich Esra Dunkel von seinem Vater und machte sich auf den Weg in den Schmetterlingsgarten 22. Wie jede Woche bot seinVater an, ihn die kurze Strecke zu fahren und wie jede Woche schlug Esra es ihm verärgert ab. Er nahm seinen Stock mit den grellen Neonringen an der Spitze in die eine Hand, das Notenheft in die andere und verließ ohne ein weiteres Abschiedswort die Wohnung.
Etwa zwei Stunden später klingelte ein Polizist an der Tür des Vaters und sagte mit einem unangenehm ernsten Lächeln, dass ein Lastwagen seinen Sohn überfahren hatte. Esra war noch an der Unfallstelle verstorben.

Oskar Belvin, Esras Klavierlehrer, wohnte in einem kleinen Haus mit einem wunderschönen Garten, nicht weit entfernt. Es lag direkt an einer kleinen, kaum befahrenen Straße ohne Gehweg. Esra ging trotzdem immer eng am linken Straßenrand, seinen Stock leicht über den Boden vor ihm streifend, sensibel als würden seine Nervenstränge nicht an seinen Fingern sondern an der Stockspitze enden, meistens irgendein Lied summend.
Er spielte an diesem Tag einen Klavierauszug aus der Kunst der Fuge, den Contrapunktus I.
JohannSebastian Bach war schon immer sein Lieblingskomponist gewesen, genau wie der seiner Mutter. Nach der Stunde drückte ihm Belvin eine Schallplattenaufnahme des Werks von Glenn Gould in die Hand und Esra verließ die Wohnung, schlenderte durch den Garten und genoss dort für einen Moment das Summen der Insekten, den Sonnenschein und den Geruch nach Blütenstaub, aber nur für einen Moment. Er wusste, dass er sich nicht verspäten durfte.
Eine Minute später lag er mit abgerissenem Arm und eingematschtem Gesicht auf der Straße. Die Schallplatte lag unversehrt neben ihm in der Wiese und als sie sein Vater später abspielte, brach er in Tränen aus. Glenn Gould wimmerte auf der Aufnahme leise und hoch mit. Es kam ihm so vor, als würde erseinen Sohn aus dem Jenseits zu ihm singen hören.


Der Fahrer des tödlichen Lastwagens war ein Mann namens Frank Mabus, der an diesem heißen Tag ohne Hemd hinter seinem Lenkrad dahin döste, während er von einem kühlen Bier und einer erfrischenden Dusche träumte. Er war seit drei Tagen unterwegs und hatte viel zu wenig geschlafen. Er war total übermüdet aber er fuhr nicht zu schnell und er schwor später auch, dass der Junge ihm direkt vor die Kühlerhaube gerannt wäre. Der Polizist, der ihn verhörte, glaubte ihm, obwohl das Gutachten etwas anderes behauptete.
"Es war richtig unheimlich", sagte Frank dem Polizisten. "Plötzlich ist er vor mir aufgetaucht. Es muss ihn sicher fünf Meter weit gespickt haben. Ich bin natürlich sofort ausgestiegen und zu ihm hin, da hat er noch gelebt und er hat gesungen aber nur kurz, dann ist er gestorben, ich habe noch nie einen sterben sehen."
Er erzählte alles ohne die geringste Regung im Gesicht. Er war ganz ruhig und konnte sich detailliert an das Geschehene erinnern.
"Ich hab ihm dann die Augen geschlossen, ich weiß auch nicht mehr warum, aber ich hatte das Gefühl es wäre das Richtige. Was das für ein ekliges Gefühl war, seine leeren Augen zu schließen."
"Der Junge war blind", sagte der Polizist und für einen kurzen Moment schien es ihm, als würde er ein Blitzen in den Augen des Fahrers sehen, so als wäre ihm plötzlich ein Licht aufgegangen. Aber so kurz, dass er gleich danach meinte, er hätte sich getäuscht. Was für ein komischer Vogel, dachte er nur. Aber schließlich stand der Kerl unter Schock. Man überfährt ja nicht alle Tage jemanden.
"Ich habe sein Gesicht gesehen", sagte der Mann. "Ich habe gesehen wie er auf mich zukam, wie in Zeitlupe. Es kam mir vor, als ob ich das Knirschen hören konnte als sein Gesicht auf meine Windschutzscheibe knallte."

Eine Woche später saßen Esras Vater Martin und Oskar Belvin zusammen in seinem Garten, tranken Bier und unterhielten sich.
Belvin war ein kleiner zierlicher Mann und obwohl er einen kurzen grauen Bart hatte, sah Martin Dunkel in ihm immer noch das Kind, das er einmal gewesen war.
"Ich habe in meinem Beruf schon so oft mit Menschen darüber gesprochen", sagte er.
"Ich habe mit Menschen gesprochen, die jemanden verloren haben, ich habe ihnen Trost geschenkt, habe es zumindest versucht, aber verstehen kann ich sie erst jetzt! Es ist alles noch so unwirklich!"
Er hatte nicht mehr geweint, seit er die Schallplatte angehört hatte.
"Ich wäre gerne traurig." Belvin sah ihn an, dann sagte er:
"Ich weiß wie Sie sich fühlen, glauben Sie mir. Ich habe vor langer Zeit meinen Bruder unter ähnlich grausamen Umständen verloren. Ich habe ihn sehr vermisst, ich hielt den Gedanken ihn für immer verloren zu haben, kaum aus, aber viel schlimmer war, dass ich nicht traurig sein wollte, ich wollte nicht unglücklich sein, aber noch viel weniger glücklich. Das einzige was ich sein konnte war zornig, und das hat mir am allerwenigsten gebracht!"
"Warum nur denken wir, wir würden mehr wissen als alle anderen, wenn es uns schlecht geht? Nur dann denken wir, das ganze Spiel zu durchschauen!"
Belvin blickte ihn wieder nur an. Martin wusste selbst, dass er keine Antwort auf diese Frage brauchte. Dann nahm er einen großen Schluck Bier und sah in den Garten in dem sein Sohn vor genau einer Woche die letzten Minuten seines Lebens verbracht hatte.
"Glauben Sie, wir wissen wann es mit uns zu Ende geht? Glauben Sie, er hat es gewusst? Immer wieder muss ich daran denken, was ihm in seinen letzten Momenten durch den Kopf gegangen ist."
Belvin legte ihm eine Hand auf die Schulter, dann sagte er:
"Ich hab nicht die geringste Ahnung, aber ich weiß, dass Ihr Sohn ein ganz außergewöhnlicher Pianist und Mensch war. Und was auch immer mit ihm passiert ist, wo auch immer er jetzt ist, ich bin überzeugt es geht ihm gut, daran glaube ich von ganzem Herzen und ich hoffe Sie können das auch." 
Martin war ihm dankbar für diese Worte, aber er spürte tief in seinem Innern, dass er es nicht konnte. Er war sein ganzes Leben ein gläubiger Mensch gewesen, er hatte Gott sogar zu seinem Beruf gemacht, aber an diesem Nachmittag spürte er, dass er nicht mehr glauben konnte und es auch nicht mehr wollte.


Artikel erstellt am 09.06.2010 um 10:22 Uhr // 2080 Views





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1 Kommentare zu diesem Beitrag


Genial: "Plötzlich ist er vor mir aufgetaucht. Es muss ihn sicher fünf Meter weit gespickt haben. Ich bin natürlich sofort ausgestiegen und zu ihm hin, da hat er noch gelebt und er hat gesungen aber nur kurz, dann ist er gestorben, ich habe noch nie einen sterben sehen."
09.06.2010 um 17:59