Fisch und Wand
Es ist der Herbst 1994 und Dominik holt mich zum Spielen ab. Das sagt er zumindest meiner Mutter. Wir wollen zu den Müllcontainern oben bei den Hochhäusern. Hier liegen manchmal Zeitungen mit nackten Erwachsenen zwischen den Altpapiercontainern. Heute aber scheint ein schlechter Tag zu sein und so ziehen wir weiter zu dem Grundstück an der Ecke. Es ist ein undurchsichtiges Dickicht aus Sträuchern und Müll. In ein paar Jahren wird dort ein Reihenhaus mit Garage und Spielzeug im Garten stehen. Die älteren Jungs haben einmal ein Mofa geklaut und es hier zurückgelassen. Alles was wir finden sind Säcke mit alter Kleidung vor einer grauen Wand. "FISCH" steht dort in einfachen, gelben Lettern. "Das hat einer von den Alten gesprüht, aber niemanden petzen!" sagt Dominik. Die Alten, das sind die großen Jungs vom Pausenhof. Manchmal rauchen, meistens raufen sie. Ich habe Angst vor ihnen. Es ist der Herbst 1994 und ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben ein Graffiti.
Ich kenne jedes Bild, jeden Schriftzug. Manche sind schlecht gemalt, manche kaum lesbar. Die Buchstaben haben Charaktere. Böse, zornig, lustig, hässlich. Ich erkenne Strassen nicht an ihren Namen, sondern an den Bildern die sie tragen. Entdecke alte Bekannte. Manche von ihnen sind ganz blass geworden. Ich kann die Strassen lesen. Kleinkriege, Liebesbekundungen, Egotrips auf 3x2 Metern. Riesen aus Silber und zwergenhafte Schablonengraffitis so klein, dass sie fast untergehen in einem Chaos aus Stahl und Beton.

Ich lebe in einer Welt voller Stromkästen, Telefonzellen, Laternenpfähle und Lärmschutzwänden. Fahre ich mit dem Zug, so lasse ich meinen Blick nie schweifen. Immer bin ich konzentriert. Fahren wir an einem mir bekannten Graffiti vorbei, so fixiere ich die Blicke der anderen Fahrgäste. Ihre Augen sind trüb. Sie sehen nicht was ich sehe. Sie sehen nicht das Bild, nicht die Gedanken dahinter, die Angst, die Gefahr beim Malen entdeckt zu werden. Museen besuche ich nicht. Meine Ausstellungshallen sind alte Fabrikgebäude, Bahnübergänge und kilometerlange Wände am Flussufer.
16 Jahre später. Ich besuche meine Eltern. Die häusliche Idylle wird unerträglich und treibt mich nach draußen. Ich komme an Dominiks Haus vorbei und steige die Treppen hinunter zu dem kleinen Bach an dem er als Kind gespielt hat. Ein langes Kanalrohr führt den Bach durch eine Strasse. Vorne hat jemand etwas hingemalt. Ein paar braune Striche zuerst, dann erkenne ich es: "FISCH" und einen kleinen Schriftzug "DOMINIK 1994". Er hat mir nie davon erzählt.
Ich kenne jedes Bild, jeden Schriftzug. Manche sind schlecht gemalt, manche kaum lesbar. Die Buchstaben haben Charaktere. Böse, zornig, lustig, hässlich. Ich erkenne Strassen nicht an ihren Namen, sondern an den Bildern die sie tragen. Entdecke alte Bekannte. Manche von ihnen sind ganz blass geworden. Ich kann die Strassen lesen. Kleinkriege, Liebesbekundungen, Egotrips auf 3x2 Metern. Riesen aus Silber und zwergenhafte Schablonengraffitis so klein, dass sie fast untergehen in einem Chaos aus Stahl und Beton.

Ich lebe in einer Welt voller Stromkästen, Telefonzellen, Laternenpfähle und Lärmschutzwänden. Fahre ich mit dem Zug, so lasse ich meinen Blick nie schweifen. Immer bin ich konzentriert. Fahren wir an einem mir bekannten Graffiti vorbei, so fixiere ich die Blicke der anderen Fahrgäste. Ihre Augen sind trüb. Sie sehen nicht was ich sehe. Sie sehen nicht das Bild, nicht die Gedanken dahinter, die Angst, die Gefahr beim Malen entdeckt zu werden. Museen besuche ich nicht. Meine Ausstellungshallen sind alte Fabrikgebäude, Bahnübergänge und kilometerlange Wände am Flussufer.
16 Jahre später. Ich besuche meine Eltern. Die häusliche Idylle wird unerträglich und treibt mich nach draußen. Ich komme an Dominiks Haus vorbei und steige die Treppen hinunter zu dem kleinen Bach an dem er als Kind gespielt hat. Ein langes Kanalrohr führt den Bach durch eine Strasse. Vorne hat jemand etwas hingemalt. Ein paar braune Striche zuerst, dann erkenne ich es: "FISCH" und einen kleinen Schriftzug "DOMINIK 1994". Er hat mir nie davon erzählt.
Artikel erstellt am 10.02.2010 um 15:01 Uhr // 1737 Views
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9 Kommentare zu diesem Beitrag
Wer errät wo dieses Bild aufgenommen wurde bekommt beim nächsten verWIRRt einen Präsentkorb!
hmmm schätzungsweise irgendwo am Donaukanal ?! :)
"kalt"
ich tipp auf spittelau von der stimmung her... hmmm (geiler artikel btw)
Danke. Ein kleiner Tipp: Unter der Erde.
Find die Geschichte auch spitze! Immer weiter so, mehr davon. Bin vom lustigen Ratespiel leider ausgeschlossen...
hat er sich nicht getraut, dir davon zu erzählen?
geil geschrieben! und ich tipp mal auf österreich. hö hö hö...
Es war zugegebenermaßen schwer zu erraten: Wand am Ende der Plattform der S-Bahn bei der Station Landstraße
