Film: La Passion de Jeanne d'Arc (FR 1928)

Eingangsszene. Gleich den Augen eines Beobachters streift der Blick der Kamera durch den riesigen Kirchenraum. Es herrscht ein reges Treiben und am nervösen Verhalten der Mönche und Soldaten ist zu erkennen, dass sie auf ein wichtiges Ereignis warten. Ein Soldat stellt einen kleinen Schemel auf einen zentralen, freien Platz, putzt ihn aber zuvor mit dem Ärmel seiner Uniform ab.

Die Kamera verfolgt den Soldaten bis er sich im Hintergrund neben die anderen Wachsoldaten postiert und stehenbleibt. Alle Beteiligten sind in eine Aktivität vertieft: Einige studieren scheinbar wichtige Dokumente und Bücher, die meisten tratschen und diskutieren vermutlich über das bevorstehende Ereignis. Die Aufmerksamkeit des Soldaten richtet sich auf einen Mann im Mittelgrund, dessen Aufmerksamkeit sich sichtbar auf einen alten, hinkenden Mönch in einer großen Kutte, der auf dem einzig noch freien Platz zwischen seinen Mitbrüdern platznimmt, richtet. Das Auge schwenkt weiter und verfolgt den Blick dieses Mannes und aller anderen Anwesenden. Es herrscht Unruhe. Mit großem Interesse blicken alle nach rechts und nach einem Schnitt fokussiert die Kamera den Richter und den Bischof in einer Nahaufnahme. (Quelle: La passion de Jeanne d‘Arc, (FR 1928), 0:02f)

Was der Rezipient noch nicht weiß: Er ist in diesem Moment nur zwei Minuten und sechzehn Sekunden von der ersten Träne entfernt, dem Beginn einer mitreißenden Trauerorgie. Nach fünf Minuten des Films wird er sich anstecken lassen und sich mit der Protagonistin verbünden. Renée Falconetti schrieb mit ihren Tränen Filmgeschichte.

[…]


Träne. Spätestens die sechste Minute des Films löst beim durchschnittlichen Zuschauer ein bedrückendes Gefühl aus. Als der Prozess eröffnet wird, lässt sich die Absicht der Richter und die angespannte Atmosphäre zu erkennen. Nach der Frage, wer ihr das Vaterunser beigebracht habe, schließt sie die Augen um sich ihrer Mutter zu erinnern. Immer wieder werden dazwischen argwöhnische Blicke von angsteinflößenden Männern montiert. Als sie ihre großen, ängstlichen Augen wieder öffnet, löst sich langsam eine große Träne und rinnt ihr die Wange hinunter. Die Großaufnahme erfasst alles mit großer Präzision. (Quelle: La passion de Jeanne d‘Arc, (FR 1928), 0:04 bis 0:06)
Diese Träne – und alle die noch folgten – zeugen von Carl Theodor Dreyers Fähigkeit, Menschen so zu zeigen wie sie sind. Die durch seinen Film geweckten Gefühle führten ihn zu Weltruhm.


^Die erste Träne (La passion de Jeanne d‘Arc, (FR 1928), 00:05:06)


Das ist nur ein Auszug aus meiner Arbeit über den Film LA PASSION DE JEANNE D’ARC von Carl Theodor Dreyer. Genau hier gibt’s die komplette Filmanalyse zum Download. Und welch Glück: Ich hab‘ den kompletten Film auf YouTube gefunden!

STEFAN MEIER

The Passion Of Joan Of Arc 1928

[youtube 0rQzsqrkbrU]




Artikel erstellt am 16.02.2008 um 03:52 Uhr // 1180 Views





SHARE