Teenstar ist ein Programm, das Anfang der 80er (!!) Jahre von einer Gynäkologin entwickelt wurde um jungen Menschen Fragen über Freundschaft, Liebe, Fruchtbarkeit und Sexualität zu beantworten. LehrerInnen aber auch Privatpersonen können mittels Seminar zum zertifizierten teenstar Referenten werden. In Zeiten, wo Jugendliche immer früher miteinander schlafen und Kondome scheinbar wieder als Wasserbomben missbraucht werden keine schlechte Idee? Könnte man meinen, würden die Inhalte nicht scheinbar frisch aus Pleasentville stammen.
Foto: Mags/flickr
Meine Schwester besucht die dritte Klasse eines humanistischen Privatgymnasiums, was aber nichts zur Sache tut, denn teenstar wird in verschiedenen Ländern und an den unterschiedlichsten Schulen "gelehrt". Vor kurzem zeigte sie mir einige Unterrichtsblätter aus der Lehrveranstaltung, die einmal im Monat von den Sportlehrern abgehalten wird - zum Teil nach Geschlechtern getrennt, zum Teil miteinander. Neben Klassikern wie "Was mag ich an meinem Körper" und (veralteten) Tipps zur Monatshygiene finden sich 4 Arbeitsblätter, die mich zuerst stutzig machten, dann allmählich schwer verärgerten. :
Was ist cool am Burschsein? Abentuerlust, Grenzen ausloten, zu seinem Wort stehen, sich Herausforderungen stellen, von Mädels bewundert werden, sportlich sein, schmutzig und unordentlich sein dürfen, kreative Lösungen finden, brauchen keine große Verantwortung tragen, unabhängig sein, nach dem Charakter beurteilt werden, sich beweisen können, für Leistung belohnt werden, Freunde haben, mit denen man durch dick und dünn gehen kann, für Ehrlichkeit und Geradlinigkeit geschätzt werden, eine eigene Meinung haben und dazu stehen, die einfallsreichsten Ideen haben, Verantwortung übernehmen, sich mit anderen messen können, gebraucht werden, Freunde haben, auf die man sich verlassen kann, von anderen für seinen Erfolg beneidet werden, zielgerichtet sein, für Leistung bewundert werden, den Durchblick haben, sich bewusst machen, Vater werden zu können.
Das weibliche Pendant dazu:
Was ist wertvoll am Mädchen-Sein? Schicke Kleidung tragen, Hosen und Kleider/Röcke tragen dürfen, sich hübsch machen, sich schön empfinden, sich schminken, die Haare herrichten, Schmuck tragen, shoppen gehen, keine schweren Arbeiten verrichten müssen, tierlieb sein (Pferde), Gefühle zeigen können, sich nicht beweisen müssen, Tagebuch schreiben, träumen, künstlerisch begabt sein, die Umgebung geschmackvoll gestalten, Tee kochen und ratschen, gerne mit anderen sprechen, fürsorglich und einfühlsam sein, eine beste Freundin haben, viele Freundinnen haben, Geheimnisse austauschen, mit Freundinnen über Jungs sprechen, telefonieren, mehr beachtet werden, Papas Liebling sein, den Jungs etwas voraus sein, tanzen gehen, sich in Jungs verlieben, bewundert und umworben werden, fleißiger sein und bessere Noten haben, einmal Kinder bekommen können.
Burschen/Männer Eigenschaften und Verhaltensweisen Männer arbeiten gerne für Sachen (Mechaniker, Ingenieur), Männer haben ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen (können z.B. eine Straßenkarte leichter lesen), Jungen kämpfen oft miteinander, messen ihre Kräfte, sie können sich besser durchsetzen, sie können kurzfristige Höchstleistungen bringen (z.B. im Sport), Männer sind oft technisch begabt (wollen wissen, wie die Dinge funktionieren), Männer wollen gerne erfolgreich sein, z.B. im Beruf, Jungen können ihre Gefühle besser kontrollieren(weinen seltener), sie reden meist über sachliche Themen (Politik, Sport), Freiheit und Unabhängigkeit sind für sie wichtig, zu enge menschliche Nähe wünschen sie oft nicht, sie können den zeitlichen Ablauf einer Handlung gut planen (z.B. eine Diskussion leiten)
Mädchen/Frauen Eigenschaften und Verhaltensweisen Mädchen sind gerne liebevoll und zärtlich, sie können ihre Gefühle zeigen, sie machen viel zusammen, sie haben einen besonderen Sinn für das Schöne (sowohl bei Mode, Schmuck, Kosmetik, als auch bei der Gestaltung des Zimmers, der Wohnung oder der Schulhefte), Mädchen geben sich oftmals schüchtern und ängstlich, Frauen können intuitiv handeln, d.h. sie spüren Dinge, bevor sie ausgesprochen sind (z.B. wie es einem Menschen geht) Mädchen reden gerne miteinander, das Sprachzentrum ist bei Mädchen stärker ausgeprägt, Frauen reden vor allem über Beziehungen zu anderen Menschen, Geborgenheit ist sehr wichtig, Mädchen nehmen mehrere Eindrücke gleichzeitig auf (zehnmal berührungsempfindlichere Haut, stärkeres Sehvermögen, können gleichzeitige Töne besser auseinanderhalten), Frauen sind durchhaltefähiger und für langfristige Leistung geschaffen (Schwangerschaft, Geburt), die beste Freundin ist sehr wichtig), Frauen arbeiten lieber für Personen (Krankenschwestern, Erzieherinnen usw.)
WTF?! Wir leben 2010 und nicht 1950! Heute wird an vielen Fronten für die Gleichstellung der Frau in Beruf und Alltag gekämpft, doch noch immer existiert eine Einkommensschere, und die Frau ist nach wie vor in vieler Augen das schwache Geschlecht. Man verstehe mich hier bitte nicht falsch-ich bin keine Hardcore Feministin, ich glaube sehr wohl, dass es bestimmte Grundzüge der Geschlechter gibt- allerdings ist keines schlechter oder besser zu bewerten und man sollte gerade im Bildungsbereich Mädchen das gleiche Selbstbewusstsein vermitteln wie Jungen. Was aber hier den Kindern und damit den Entscheidungsträgern und Meinungsführern der Zukunft vermittelt wird, ist ein Rollenbild, das aus den 60ern stammt. Das Besondere am Mädchen sein, ist sich die Haare flechten zu können, nicht schwer Arbeiten zu müssen und sich nicht beweisen müssen!? Frauen reden vor allem über Beziehungen zu anderen Menschen und arbeiten lieber für Personen!? Genau so wird den Jungen ein Bild des prügelnden Vollblutmechanikers vermittelt, der keine Gefühle zeigen kann. Es ist mir unbegreiflich, wie man Kindern guten Gewissens so etwas vermitteln kann. Ich geh mir dann mal die Haare kämmen, damit ich hübsch zum Tee kochen und ratschen über Jungs bin...
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Artikel erstellt am 24.02.2010 um 17:53 Uhr 650 Views, 1 Kommentare, 1 mal in den Favoriten