Eine Bibel für Mörder?
Am 8. Dezember, so gegen elf Uhr Abends, stand Mark David Chapman ruhig und gefasst unter einer Straßenlaterne vor dem Dakota Building und las J.D. Salingers Der Fänger im Roggen, wenige Minuten nachdem er auf John Lennon, aus etwa sechs Metern Entfernung, mit einem Revolver des Kalibers 38 fünf Hohlspitzgeschosse abgefeuert hatte.
Er leistete keinen Widerstand als ihn die Polizei festnahm. Er gestand den Mord am nächsten Tag und behauptete unter anderem die Tat nur ausgeführt zu haben, um Salingers Roman weltberühmt zu machen. Auch habe er in diesem Buch die Aufforderung gelesen, eine Berühmtheit töten zu müssen, um selber berühmt zu werden.
Natürlich hat man es hier mit einem ausgemachten Psychopathen zu tun, einem enttäuschten aber fanatischem John Lennon Fan, der wahrscheinlich auch ohne den `Fänger` einen Grund gefunden hätte, auf sein Idol zu schießen. Merkwürdig ist nur, dass er nicht der Einzige ist, der in dem Buch Antrieb zu Gewalttaten gefunden hat.
Der satanische Sektenführer und Gewaltverbrecher Charles Manson bezeichnete sich selbst einmal als der Fänger im Roggen. Lee Harvey Oswald, der Mörder von J.F. Kennedy war fasziniert von dem Buch, es stand im Regal von John Hinckley Jr, der das Attentat auf Ronald Reagan verübte und Theodore Kaczynski, besser bekannt als der Una-Bomber, hatte ebenfalls ein Exemplar in seiner Hütte.
Aber woran liegt es, dass dieser Roman zu so etwas wie eine Bibel für psychopathische Killer wurde? Die Antwort darauf kann, wenn überhaupt, nur aus Spekulationen bestehen. Aber man kann versuchen, nachzuempfinden, welche Faszination von diesem Werk auf Gewaltverbrecher ausgeht.
Das Buch handelt von dem sechzehnjährigen Holden Caulfield, der mit seinem Umfeld, seinen Mitmenschen und auch mit sich selbst nicht zurecht kommt. Er verachtet die Leute um sich herum (bis auf sehr wenige Ausnahmen), nennt sie Phonies, da sie eigentlich nur Teil eines großen, verlogenen Spektakels sind. Holden wird als egoistisch, melancholisch, hilflos und vollkommen entfremdet geschildert.
Ein typisches Motiv für den Autor Salinger. Er hat in seinem ganzen Leben nur vier dünne Bücher veröffentlicht, in denen die Verlogenheit und die daraus folgende Verachtung immer im Zentrum steht. Das Buch ist in der Sprache eines sechzehnjährigen geschrieben und Holden Caulfield bietet zweifellos, gerade für junge Menschen die sich schwer tun mit der Welt zurrecht zu kommen, eine extreme Identifikationsfläche. Salinger beschreibt seine Figuren treffend, und man erkennt sich irgendwie in den meisten Situationen wieder. Man ist Holden Caulfields Gedanken ausgeliefert, denn zweifellos; natürlich hat er Recht!
Die Menschen waren schon immer verlogen, heuchlerisch und falsch. Das waren sie zu Abrahams Zeiten, das sind sie heute, da hat sich nichts geändert.
Nur ist es für die meisten unter uns einfach, sich dem öffentlichen Schein zu beugen und selbst Teil davon zu werden. Unsere Gesellschaft funktioniert nun einmal so. Wir gehen auf die Universität und tun so, als würden wir plötzlich mehr von der Welt verstehen als vorher, nur weil es alle um uns herum auch tun. Wir halten plötzlich schlaue Gespräche, benutzen schwierige Fremdwörter und versuchen zu allen wichtigen Themen eine eigene, fundierte Meinung zu haben, auch wenn wir nur schlaue Sätze aus irgendwelchen Büchern, Radio – oder Fernsehsendungen übernehmen.
Für die meisten von uns ist dieser Weg ein ganz natürlicher, denn er ist der einfachste. Aber was passiert mit Menschen, denen es von außen verwehrt bleibt diesen Weg zu gehen? Was ist mit Menschen, die anders denken, Menschen, für die ganz andere Dinge wichtig sind, wie Ausbildung, Schule, gebildet sein etc. Menschen, die sich nicht einordnen können, Typen wie Holden Caulfield. Die Antwort darauf ist einfach; sie gehen bis auf wenige Ausnahmen unter.
Und für solche kann die Schule die Wurzel allen Übels sein. Hier wird den Kindern von Anfang an deutlich vermittelt, ordne dich ein, oder geh unter. Das ist heute noch so, aber vor vierzig Jahren (zur Zeit, als Chapman die Schule besuchte) war das noch viel krasser. Nun ist der Fänger im Roggen, seit etlichen Jahren an den meisten amerikanischen Schulen Pflichtlektüre. Schüler im Alter von ungefähr sechzehn Jahren bekommen Holden Caulfields Ansichten um die Ohren gehauen.
Hermann Hesse schrieb:
In einer problematischen Welt und Zeit kann Dichtung nichts höheres erreichen. Keine andere Romanfigur durchlebte und durchlitt den Schmerz erwachsen zu werden, so eindringlich und symbolkräftig dargestellt wie Salingers jugendlicher Held Holden Caulfield, der zum Mythos, zum ersten Pop – Star der Weltliteratur wurde. Wenn man jung ist, gibt es Dinge, nach denen das Leben nicht mehr so ist wie vorher: Der erste Kuss, das erste Geld, die erste Droge, der erste Sex und der Fänger im RoggenKein junger Mensch der den `Fänger` liest bleibt unberührt, aber normalerweise schaffen wir es, den normalen Pfad nicht zu verlassen. Viel zu viel Druck, Erwartung und Vertrauen wirken auf uns von außen ein. Stellen wir uns Marc David Chapman vor. Ein zutiefst verunsicherter Mensch, der sein ganzes Leben versuchte Anschluss zu finden und ihn nirgends fand. Er bekommt plötzlich den `Fänger` in die Hände; eine wahre Offenbarung. Er ist plötzlich nicht mehr allein. Da gibt es jemanden mit denselben Problemen, jemand der einen bestätigt, jemand der die ganzen Affen um sich herum verachtet und bloßstellt. Auch wenn es psychologisch gewagt ist, so denke ich doch behaupten zu können, dass alle oben genannten Mörder eines gemeinsam haben: Sie alle wurden von der Gesellschaft ausgegrenzt, und alle waren dazu bereit, für ihre jeweilige Überzeugung andere Menschen zu töten! Auch wenn es natürlich eine absolute Fehlinterpretation ist, im `Fänger` einen Aufruf zu einer Gewalttat zu finden, so ist es dennoch möglich! So wie Holden Caulfield Robert Burns Gedicht `Comin`Thro`the Rye`, falsch interpretiert, und sich demnach als `Fänger im Roggen` fühlt, so ist auch eine für den Leser falsche Auslegung des Buches nachvollziehbar. Es wäre sicher interessant herauszufinden welche, und vor allem wie viele jugendliche Amokläufer auf amerikanischen Schulen vorher den `Fänger` in den Händen hatten! Und natürlich muss man zum Abschluss darauf achten, dass die Menschen, und gerade die Amerikaner Spezialisten darin sind, Dinge zu mystifizieren. Bei Chapman war die Parallele zum `Fänger` eindeutig. Aber Charles Manson dachte auch in den Beatles Song Helter Skelter, den Weltuntergang hinein interpretieren zu können. Bei ihm kann ich mir vorstellen, den `Fänger` nur erwähnt zu haben, weil es Killer vor ihm getan haben. Bei den anderen Mördern fand man Salingers Roman im Bücherregal. Der könnte dort ja auch einfach so gestanden haben, als ein Überbleibsel aus der Schulzeit. Ich persönlich glaube, dass auf jeden Fall ein Zusammenhang besteht, empfehle jedem jedoch das Buch selbst zu lesen und sich seine eigene Meinung zu bilden. Und auch wenn nicht, lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall!
Artikel erstellt am 11.03.2009 um 17:07 Uhr // 1337 Views
SHARE
Artikel
in your face
WAS SAGST DU?
ANMELDEN UND KOMMENTAR SCHREIBEN...
ANMELDEN UND KOMMENTAR SCHREIBEN...
3 Kommentare zu diesem Beitrag
Trotz der ganzen Wut des jungen Holden, die fast das ganze Buch durch zu spüren ist, habe ich den "Fänger im Roggen" als positives Buch empfunden.
Holden kratzt am Ende doch noch die Kurve und findet Hoffnung und einen Sinn für sein Leben, auch wenn die Gesellschaft die gleiche bleibt. Ich habe mich als Jugendlicher aber auch eher selten in vergleichbarer Lage, mit vergleichbaren Ansichten wiedererkannt.
War die Intention Salingers nun Hoffnung zu geben oder eher "Hass" zu verbreiten? Überspitzt formuliert, versteht sich.
Ich bestreite keineswegs, dass die Interpretation und mögliche Auslegung der oben genannten Gewaltverbrecher falsch ist, aber sie ist denkbar. Und natürlich wird man kein Mörder, wenn man "den Fänger" liest. Mein ganzer Beitrag steht in einem "es könnte sein, dass", er ist eine Spekulation die für mich persönlich schlüssig klingt, aber natürlich keineswegs der Wahrheit entsprechen muss.
Es ist allerdings interessant, wie unterschiedlich das Buch wahrgenommen wird. Ich denke nicht, dass Salinger die Absicht hatte Botschaften wie "Hass" oder "Hoffnung" als Quintesenz in seinem Werk herausklingen zu lassen. So wie ich den Autor einschätze, wollte er gerade solchen Interpretationen entgegen treten. Man weiß nicht genau, wo man am Ende steht. (Ich zumindest)
Also ich schreibe eine Facharbeit über dieses Thema. Mir ist aber unklar, wo genau Chapman diese Aufforderung ihn zu töten gelesen hat. "That's not a deer shooting hat. That's a people shooting hat" konnte ja nicht ausschlaggebend sein, oder dass er den Zuhälter am liebsten hätte umbringen wollen.
Vielleicht kann mir jemand eine Antwort geben.
