Die vergessene Schublade

Das erste volle Jahr als Autor für das Denkfabrikat ist vorbei und es ist doch eine nicht ganz unbeträchtliche Anzahl an Beiträgen entstanden. Doch Selbstlob stinkt nicht nur, sondern verkommt geradezu zur erbärmlichsten Peinlichkeit, wenn man bedenkt, welch Haufen an Fragment gebliebener Artikel aufgrund diversester Studienangelegenheiten, Fristen, Bewerbungen, Reisen, emotionaler Tiefhänger und schlichter Unlust (wem an dieser Stelle die formulatorische Anti-Meisterleistung auffällt, die mir grad unterlaufen ist, dem schenk ich einen Lolli) in der virtuellen Schublade der Apple-Dokumenten-Ablage zum publizistischen Komposthaufen versauert ist. Heiliger Bimbam, beim Barte von Batman und Robin, da tun sich Welten auf! Doch selbst für wie Hundedreck am Straßenrand links liegen Gelassenes gilt: Ehre wem Ehre gebührt! Das Word-Dokument und der darin begonnene Text an sich können ja nichts dafür, dass ihr Schöpfer zu faul war, fertig zu schöpfen. Statt der Bilanz des Erreichten (die kann jeder Fuzzi in meinem Blog-Profil einsehen) ist es nun also Zeit, eine Bilanz des Aufgeschobenen, Versäumten, Aufgegebenen und Vergessenen zu ziehen und den angesammelten Fragmenten in diesem Artikel ihren berechtigten Platz zuzugestehen. Allerdings sind einzelne halbgare Texte durchaus etwas länger, und alle Fragmente in originalem Wortlaut auf einmal zu veröffentlichen würde bedeuten, dass irgendwann selbst der hartnäckigste Lese-Enthusiast dann doch lieber ins Kino geht. Darum sei es hier bei kurzen Zusammenfassungen der ursprünglich geplanten Inhalte belassen. Das macht zwar eigentlich nicht wirklich Sinn, aber ein Hauch von Geheimniskrämerei um persönliches geistiges Eigentum bringt schließlich Spannung und Spaß, wenn auch keine Schokolade. So oder so, in einem muss man mir schließlich Recht geben: Überraschungseier machen nicht umsonst seit Jahrzehnten Weltkarriere! GESTRANDET IN ANKARA Bereits einer der ersten geplanten Artikel sollte nicht fertiggestellt werden. An einem verregneten Sonntag Abend im Oktober 2010 wurde ich zum so genannten Patschenkino in die Wiener Cinethek Oz eingeladen. Der dort gezeigte Film war nichts anderes als Arash T. Riahis "Ein Augenblick Freiheit", meiner persönlichen Meinung nach einer der besten österreichischen Filme der letzten Jahre. Auch der Regisseur selbst ließ es sich nicht nehmen, persönlich dort zu erscheinen und nach der Projektion Rede und Antwort zu stehen. Die Einblicke, die man dadurch in die langwierige, intensive und aufwühlende Arbeit an einem so emotional mitreißend gestalteten Film bekam, waren mehr als wertvoll, brachten sie einem doch bei, mit welch unbedingtem Respekt und Verständnis man den teils erschütternden Geschichten von Schutz suchenden Flüchtlingen - so wie die Schicksale jener verfolgten Iraner und Kurden, die in diesem Film geschildert werden - vor jeder Vor(be)urteilung als Mensch zuhören muss. Ein Abend als Lehrstunde in Empathie und Menschenrecht.

DIE QUADRATUR DES QUADRATSCHÄDELS Anlässlich des österreichischen Nationalfeiertages am 26. Oktober 2010 warben die damaligen Spitzen der Regierung, Faymann und Pröll, mit einem "Tag der offenen Tür" im Bundeskanzleramt und den Ministerien. Dass dieser "Event" kurz nach der Verkündigung eines Sparpakets von äußerster familien- und universitätspolitischer Frechheit stattfand, konnte einem nur derart aufstoßen, dass man darüber in Wut ausbrechen musste. In eine anfängliche Polemik über den "administrativen" Nationalfeiertag, den sich diese Regierung keineswegs verdient hatte (eben so wenig das blau machen an diesem, indem man einfach mal das "gemeine Volk" für einen Tag die Büros der Staatsmänner durchschweifen ließ), ergoss sich so der aufgestaute Frust über den damaligen furchterregenden Status quo der politischen Landschaft Österreichs zu einer schonungslosen Abrechnung mit deren Gegebenheiten und Mechanismen. Als ich lange danach diesen Text mal wieder gelesen habe, fiel mir auf, dass er eigentlich längst fertig gewesen wäre. Warum ich ihn nie veröffentlicht habe, ist mir bis heute ein Rätsel. KRITIK EINES INTERVIEWS Grob gesagt sollte dies die kritische Analyse eines Kurzinterviews der damaligen Wissenschaftsministerin Beatrix Karl für die "Zeitung" Österreich werden. Keine Ahnung mehr, worum es darin ging, aber offensichtlich waren die Antworten (sowie die Fragen), die zu lesen mir vorzusetzen gewagt wurden, gelinde gesagt ein einziges Grauen - sonst wäre meine Analyse nicht so ausgefallen, wie sie ausgefallen ist. Zugegeben: sie wäre vielleicht nicht ganz wertfrei geworden. FRAG' DOCH DEN INGWER! Untertitel: "Magazin für politische Würze". Ein Projekt, das aus schlichtem Zeitmangel bis heute seiner Realisierung harrt, bei dem aber trotzdem nicht die Hoffnung aufgegeben werden darf, dass es das Wunder seines Erscheinens doch noch erfährt! Insofern sei nicht mehr dazu verraten. DAS VORWÄRTS GEHT'S! Dieser Artikel sollte sich damit beschäftigen, dass eigentlich nicht das Auto die logische Weiterentwicklung der Erfindung des Rades darstellt, sondern die U-Bahn. Egal, welche Luxuskarossen in Zukunft noch gebaut werden sollten und wie viele Getränkehalter man darin noch irgendwo wird unterbringen können, so eine Untergrundschlange wird einfach immer (!) tausend mal mehr Räder haben! Und außerdem repräsentiert eine U-Bahn um einiges besser den kreativen Prozess menschlicher Genialität, die hinter der Erfindung des Rades steckt, kommt hier durch das kollektive Vor- und Zurückwanken im Angesicht der Beschleunigungs- und Bremskräfte eines solchen Gefährts doch nirgendwo besser die Dialektik zwischen genialer Idee (Fortschritt) und geistiger Blockade (Rückschritt) zum Ausdruck. Wohingegen beim Auto seit Anbeginn an der Maximierung des Faulenz-Komforts gearbeitet wird. Im Endeffekt sollte dieser Essay mit einem Plädoyer dafür enden, dass Politiker hin und wieder auf Dienstwagen und Chauffeur verzichten und in der U-Bahn ihren Entscheidungen ein bisschen mehr Pep und Drive verleihen sollten. Schließlich würden durch das Wackeln unter mit Bakterien aller Art versifften Haltegriffen auch Abwehrkräfte und motorische Fähigkeiten, also generell die Fitness, ganz beträchtlich gesteigert! Da dies jedoch ein Thema von immer währender Aktualität zu sein scheint (siehe etwa den Wiener Bürgermeister) - wer weiß, vielleicht wird dieser Artikel doch einmal veröffentlicht. ARTIKEL ÜBER DIE ANTI-WKR-BALL-DEMO 2011 Weniger als die Demonstration habe ich an diesem Tag vielmehr die Randerscheinungen aufgeschnappt - zum Beispiel die Aufregung der Fahrgäste einer Straßenbahn-Garnitur der Linie 5, weil diese wegen Straßensperren nicht weiterfahren konnte. Unglaublich, welchen Argwohn man politischen Aktivisten gegenüber empfinden kann, nur weil man plötzlich die 5 Minuten zur nächsten U6-Haltestelle zu Fuß laufen muss. Im Endeffekt war es ein Ereignis purer Enttäuschung eigener demokratischer Ideale, als dass mich ein mögliches Ergebnis dieses Schreibprozesses je zufrieden stellen hätte können.

DAS WORT AUSCHWITZ Ursprünglich ein in zwei Teilen geplanter Artikel, der sich anlässlich des Besuchs eines Seminars über den Film "Nacht und Nebel", Alain Resnais Kurzfilm-Essay über die Shoah und die schrecklichen Archivbilder aus der Zeit der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager durch die Alliierten, mit der Frage beschäftigen sollte, was es für einen Ort, eine Landschaft, eine Stadt bedeutet, nach dem Untergang des Dritten Reichs den Namen eines ehemaligen Konzentrationslagers zu tragen, und wie man - nicht nur an diesen Orten - mit jener vererbten Schuld umzugehen hat, praktisch keinem der dort umgekommenen Opfer auch nur die kleinste Geste einer würdigen Bestattung zukommen lassen zu können, sie damit vom statistischen Wert im Gefangenenbuch eines Lager-Kommandanten in den Leichnam eines Menschen zu verwandeln. Die in der Vorarbeit entwickelten Gedanken sowie die teilweise persönlich sehr belastende Recherche innerhalb des Seminars mündeten schließlich in eine 20-seitige Abschlussarbeit. Die Artikel selbst liegen seitdem auf Eis. DAS RECHT AUF MENSCHLICHKEIT Dieser Artikel wäre als lose Fortsetzung eines Berichts über die Eröffnungsgala des Internationalen Menschenrechts-Filmfestivals This Human World 2010 gedacht gewesen. Anlass dazu gab die schockierende Reaktion der Europäischen Gemeinschaft auf die befürchteten Flüchtlingsströme aus Libyen während des Krieges gegen Diktator Gaddafi sowie die Ausreisenden aus Tunesien und Ägypten nach dem Sturz der dortigen Machthaber. Wie in den damaligen Debatten versucht wurde, sich durch angedachte Deaktivierungen des Schengener Abkommens gegenseitig die zum Schwarzen Peter degradierten Asyl Suchenden zuzuschieben, anstatt ein Flüchtlings- und Asylkonzept zu entwerfen, das dem solidarischen Grundgedanken dieser Staatengemeinschaft tatsächlich gerecht und auch als legitime Unterstützung der revolutionären "Selbstheilungskräfte" der nordafrikanischen Staaten aufgefasst wird, das war schlicht eine erbärmliche Offenbarung an politischer Kleingeistigkeit. Das Alles blieb aber Gedankenspiel - geschrieben wurde an diesem Artikel nie. FRUIT BATS @ B72 - KURZKRITIK Am 7. Dezember 2011 statteten die genialen Fruit Bats dem Wiener B72 einen äußerst Glam- und Glitter-lastigen, aber nichts desto trotz irrsinnig romantischen Besuch ab. Tags darauf sollte eine Kurzkritik erscheinen. Leider hat damals der Denkfabrikat-Editor nicht funktioniert. Dann kam Weihnachten, dann Silvester, und danach hatte ich keine Lust mehr, das Ding einen Monat später noch zu veröffentlichen. KURZE NOTIZEN Eine geplante Reihe an kurzen Artikeln, die sich mit einzelnen politischen Kommentaren zu aktuellen Debatten (etwa Bildungsvolksbegehren, der Aufruf der Pfarrer-Initiative zum Ungehorsam usw.) kritisch auseinandersetzen sollten. Die erste Notiz hätte eine Analyse der Reaktionen (oder reaktionären Wortspenden) von ÖVP-Generalsekretär Hannes Rauch und FPÖ-Bildungssprecher Walter Rosenkranz zum Ausgang des Bildungsvolksbegehrens beinhalten sollen. Leider hat damals der Denkfabrikat-Editor nicht funktioniert. Dann kam Weihnachten, dann Silvester, und danach hatte ich keine Lust mehr, das Ding einen Monat später noch zu veröffentlichen. Jedoch, da es auch andere aktuelle politische Debatten gibt: was nicht ist, kann ja noch werden... Ein Motto für die Zukunft.


Artikel erstellt am 14.01.2012 um 20:40 Uhr // 3368 Views





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3 Kommentare zu diesem Beitrag


Heiliger Bimbam, man kann hier wieder kommentieren!
16.01.2012 um 17:38

ha, da hast aber noch ein paar heiße eisen im feuer. schade, dass nicht alle geworden sind, vor allem die quadratschädel und die auschwitz seminararbeit klingen für mich sehr spannend. aber danke allemal für diesen ein- und rückblick auf dein jahr beim df. in meinem keller sind auch noch so manche textleichen. ob die jemals an die öffentlichkeit gelangen, ist aber eine gänzlich andere frage.
17.01.2012 um 12:35

Danke danke :) Vielleicht kommt ja irgendwann mal der Glücksmoment, wo der Quadratschädel-Artikel wieder so eine Aktualität erlangt, dass ich nur noch den Namen Pröll mit dem Namen Spindelegger austauschen muss :) Obwohls bald kommt ja ein neues Sparpaket... Was ich aber ernsthaft seit ein paar Wochen überlege, ist, ob ich nicht mal die Auschwitz-Arbeit kapitelweise veröffentlichen könnte. Wisst ihr, ob man seine Seminararbeiten im Internet veröffentlichen darf?
17.01.2012 um 14:11