Die tote Bilgeri liegt auf der Bühne ("Homo Faber" @ Theater Spielraum // Kurzkritik)

Letzten Montag fand in Wien im schnuckelig kleinen Theater Spielraum die Premiere der Inszenierung von Max Frischs berühmtem Roman "Homo Faber" statt. Die im dortigen kleinen Saal der historisch vielschichtigen Spielstätte (früher hatte das Gebäude in der Kaiserstraße im 7. Bezirk das Erika-Kino beherbergt) ohnehin schon intime Situation zwischen Ensemble und Publikum wurde durch eine minimalistisch-(multi-)funktionale Mischkonstruktion aus Podest und Bühne noch verstärkt und durch die tendenziell den ganzen Raum ausleuchtende Lichtästhetik unterstrichen. Grundsätzlich positiv an dieser Inszenierung anzumerken ist, dass das erzählerisch-nachdenkliche monologische Moment des Romans nicht an ein zu enges Begriffskorsett des Theatralischen verscherbelt wird. Vielmehr kann der radikal sich abgrenzenden Ich-Perspektive des Protagonisten Walter Faber (stilecht: Roland Miller-Aichholz) als rotem Faden des Stücks durch vier Schauspielerinnen, die seine Gedanken mal affirmativ, mal in negierendem und mal in Auseinandersetzung und Streit suchendem Sprech fortsetzen und ihm so permanent das Wort aus dem Mund nehmen, in der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und den eigenen teils verdrängten Wesenszügen eine wunderbar absurd-schizophrene Dimension abgerungen werden, welche die Aufführung wie bei einer Sightseeing-Tour durch Problematiken des Zwischenmenschlichen und Sozialen an einigen ethisch interessanten Feststellungen halten lässt. Stellenweise findet man sich als Zuschauer aber zu sehr mit der artikulatorisch und inszenatorisch brutalen Kahlheit des zeitgenössischen deutschen Sprechtheaters konfrontiert. Das mag meist gefallen, kann aber mit der Zeit auch nerven. Dankend sei daher erwähnt, dass die Fabers Tochter Elisabeth darstellende Schauspielerin Michaela Bilgeri in ihrer gut 20-minütigen Sterbeszene nicht wie ein starrer Beinahe-Leichnam auf der Bühne aufgebahrt liegen blieb, sondern sich aufgrund ihrer an diesem Abend tatsächlich grassierenden Erkältung hustend immer wieder in die atemtechnisch schonendere Seitenlage drehen musste. Das brachte einen unerwarteten Bruch des unberechenbar Realen in den ansonsten fast vollkommen virtuellen Spielraum. Jedoch (Fazit): das heißt keineswegs, dass man dem Stück fernbleiben sollte, sobald das Ensemble wieder zur Gänze gesundet ist. Ganz im Gegenteil, es ist erfrischend und hoch erfreulich, der Theaterszene abseits der großen und mittleren Bühnen auf kleinstem Raum so unmittelbar beim Experimentieren beiwohnen zu können. Kurzum: es lohnt sich, hingegangen zu sein.


Artikel erstellt am 22.02.2012 um 17:18 Uhr // 304 Views





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