Der Tod, Visionen und viel Sicherheit
So findet man sich eines späten Abends auf seinem Sofa wieder und erlebt das Leben der alten Filmgröße im Zeitraffer, an Hand einer Dokumentation die einige Jahre vor seinem Ableben aufgezeichnet wurde, wieder. An einer gar nicht so markanten Stelle der Dokumentation sagt Sean Penn, ebenso nonkonformistischer Schauspieler, dass Hopper erster großer Kinoerfolg, Easy Rider, den Nerv der Zeit traf. Ich kann mich an keinen anderen Satz aus der Dokumentation erinnern. Dieser pocht noch immer gegen meine Schädeldecke. Die Ideale der Freiheit und Freundschaft werden in dem Bikerepos gefeiert und versinnbildlichen bis heute die Gefühlswelt der 60er Jahre.
Der Film traf den Nerv der Zeit. Hier muss nun zwangsläufig die Fragegestellt werden wie ein Film auszusehen hätte, der unsere heutigen Lebensumstände zu charakterisieren hätte. Eine gute Freundin von mir meinte dazu, dass es wohl ein Film wie Sex and the City sein müsste. Hedonistische Spaßkultur trifft Konsumwahn. Meine Einschätzung ist da freilich optimistischer. Zwei Stunden Bildschirmrauschen trifft es doch eher und ist auch viel effizienter, da billiger in der Produktion. Und solch ein Feuerwerk an der Dummheit, starring Sarah Jessica Parker, wird einem dabei, quasi im Vorbeigehen, auch noch erspart.
Aber kommen wir doch wieder auf unser Filmprojekt zurück. Billig muss er sein und keinen Platz für spekulative Angriffe darf der Film zulassen. Sonst sinkt er noch im Marktwert, Rating Agenturen verpassen dem Produktionsstudio ein tripple B- rating und schließlich löst unser kleiner Film die nächste Wirtschaftskrise aus. Und schon wieder würde es von den Dächern hallen: "Der Kapitalismus ist tot. Lang lebe der Kapitalismus."
Natürlich bedarf es für solch Weltuntergangsszenarien mehr als nur einen schlechten Film. Wir müssten sonst das globale Finanzsystem mehrere Male am Tag zu Grabe tragen. Das große Rauschen, so mein Titelvorschlag für das zweistündige Nichts, dass unsere Welt charakterisieren soll, wäre auf alle Fälle schnell, leicht und kostengünstig zu produzieren. Statisten, Schauspieler und etwaige visual effects bräuchte man dazu nicht. Mit dem Erfolg, also mit dem Profit, würde es da wahrscheinlich nicht so rosig aussehen. Gewinnstreben sollte aber auf alle Fälle integrativer Bestandteil solch eines Machwerks sein, ist doch die Gier nach mehr das, was uns alle eint.
Gut. Also kein großes Rauschen. Was dann? Ich stell mir ja einen massentauglichen österreichischen Film, der den Zeitgeist einfangen soll, ungefähr so vor. Der Film beginnt mit der endgültigen Auflösung der EU. Nachdem alle PIGS-Staaten unter massiven Druck von Spekulanten, Rating-Agenturen, Rupert Murdoch und Hans Dichand zusammengebrochen sind, lösen Nikola Sarkozy und Angela Merkel die EU auf. Ein neues, altes Europa der Nationen entsteht. Während all dieser weltbewegenden Ereignisse diskutieren die Kleinbauern Hinz und Kunz im Wirtshaus ihrer burgenländischen Grenzgemeinde über das nun endlich vollkommene subjektive Sicherheitsgefühl. HC Strache, seines Zeichens neuer Kanzler und Parteichef der alleinregierenden FPÖ/BZK/BZÖ, hat eine neue Grenzmauer gebaut hat, die ganz Österreich umgibt und doppelt so dick und dreifach so hoch ist wie die Berlin Mauer.
Haus und Hof sind wieder sicher und werden nicht mehr von kleptomanischen Testosteronmonstern aus dem Ostblock bedroht. In der Alpenrepublik, die bald nach dem Zusammenbruch in Sicherfühlland umbenannt wurde, werden Facebook, google und der ganze andere Web 2.0 Wahnsinn verboten um das Befinden der Bevölkerung nicht durch Meldungen von einem beginnenden dritten Weltkrieg in Mitleidenschaft zu ziehen. Dieser braut sich bereits rund um Österreich zusammen und wird von rechtsextremistischen Kräften, die in ganz Europa die politische Führung übernommen haben, forciert. Alles ist gut in Österreich. Schön ruhig und heimelig. Nichts darf die neue gewonnene Idylle zerstören. So folgt der Film drei Stunden lang österreichischen KleinbürgerInnen durch ihren absolut glücklichen Alltag. Am Ende kehrt der Plot noch einmal zu Hinz und Kunz zurück, die die auf Österreich zusteuernden Interkontinentalraketen mit hämischem Grinsen verfolgen. Denn sie wissen: Uns kon nix passieren.
Der Film wäre sicher ein kommerzieller Erfolg. Was Dennis Hopper zu so einer Zukunftsvision sagen würde, werden wir nicht mehr erfahren. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass er, neben dem Kanzler des Sicherfühllandes auf seinem Motorrad herfahrend, seinen Mittelfinger ausgestreckt hätte und Strache ein lautes, deutliches "Fuck you" entgegen geschleudert hätte.
Dafür sage ich leise: Danke Dennis!
Artikel erstellt am 09.06.2010 um 11:04 Uhr // 1623 Views
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