Das Holzbein einer Humpeldemokratie
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Das Holzbein einer Humpeldemokratie

„Die Presse” und „Die Neue Kronen Zeitung” nehmen tagtäglich Stellung zu den Studierendenprotesten. Die Art und Weise wie beide Medien das tun erinnert stark an deren Berichterstattung in den 60er Jahren. Im Vordergrund stehen Sach- und Personenschäden, die Einzelereignisse darstellen. Die gesamte Bewegung und ihre Botschaften werden hingegen wenig thematisiert. Es wird immer nur von utopischen Forderungen gesprochen. Mit belächelnder Arroganz richtet „Die Presse” am Sonntag dem 1.11.2009 den Aufruf an eine Bewegung, die sie am Donnerstag nach einer Großdemonstration als die „Braven Enkel der wilden 68er” bezeichnet hatte, doch auch gleich noch den Weltfrieden einzufordern, um den Katalog an utopischen Ideen, wie der Abschaffung jedes Leistungsdenkens, zu komplettieren. „Die Presse” als österreichische Qualitätszeitung lobt die Bewegung zwar in einzelnen Punkten, sie unternimmt jedoch nicht einmal den Versuch ihre ständige subtile Diffamierung besser zu verschleiern und kommt mit ÖVP-Lösungsvorschlägen und dem deutschen Sündenbock daher. Und „Die Presse” scheint schon immer so gewesen zu sein. Als am 29. Mai 1968 von ungefähr 150-200 aufgebrachten Studierenden der Hörsaal 1 im NIG besetzt wurde, um auf gegenwärtige Missstände an Hochschulen und auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene hinzuweisen, war die „Qualitätszeitung” zwar positiv überrascht, dass es keine gröberen Zwischenfälle gab, schrieb dies aber einzig dem besonnen agierenden Rektor Schwind zu. Die durchwegs kommunistischen Studierenden hätten ohne dessen diplomatische Intervention vermutlich das NIG abgerissen. Eine Qualitätszeitung sollte jedoch nicht so argumentieren. Qualität im publizistischen Sinne bedeutet eine wechselseitige Argumentation und eine Loslösung von der Reproduktion herschafftsstabilisierender Sichtweisen. Qualität bedeutet den Versuch von Objektivität. Klarer Weise gibt es Blattlinien und Zielgruppen, aber der Auftrag eines Qualitätsmediums sollte es im Zuge dieser Bewegung schon auch sein, die wesentliche Forderung nach einer transparenten und friedensstiftenden Umverteilung öffentlicher Gelder auch in die konservativsten Pragmatikerhirne hineinzutragen, denn das ist solange Utopie, so lange es seitens meinungsbildender, angeblicher „Qualitätsmedien” als solche abgetan wird. Eigentlich sollte jeder Mensch verstehen lernen, warum die Prioritäten der derzeitigen, staatlichen Kapitalverteilung zu überdenken sind - egal ob Bürgerlicher oder Marxist. Der „Presse” gleich, oder sogar noch extremer, agiert die „Kronen Zeitung”. Die weltweit relational auflagenstärkste Boulevardzeitung, deren unsterblich anmutender Kopf, Hans Dichand angeblich gesamtgesellschaftliche Trends zu erfühlen in der Lage ist, meint anhand von Aussagen bei der Großdemonstration am vergangenen Mittwoch anwesender Sicherheitskräfte und Journalisten, deutsche Berufsdemonstrantinnen und -demonstranten ausgemacht zu haben. Gerade noch waren es die deutschen Studierenden, die unsere Universitäten fluten, weil sie ihren heimischen Leistungsanforderungen nicht entsprechen, nun sind diese plötzlich Berufsdemonstranten - morgen stellen sie vermutlich erste Kontakte zu den Taliban her. Auch die „Kronen Zeitung” hat die Hörsaalbesetzung am 29.Mai 1968 kommentiert. Hier stand die rote Vietkong-Fahne und die Schmierereien sowie der gemeingefährliche SDS-Agitator Bahman Nirumad im Mittelpunkt. Am zehnten Tag der gegenwärtigen Besetzung, geht es ausschließlich nur noch um „Blockierer” die Schäden verursachen. Diese ständige teils subtile, teils offensichtliche Verunglimpfung dieser Bewegung stellt ebenso eine Agitation seitens der Medien dar. Es kann nicht sein, dass diese Medien die Besetzung als pures Party-korreliertes Rowdytum abtun können und dieser in der breiten Masse jede Berechtigung absprechen. Das ist ebenso politisch inkorrekt, wie auch eine völlige publizistische Fehlleistung. Fragwürdige Qualitätsmedien und auch das Boulevard entfachen somit eine erneute Debatte darüber, wie niedrig das Niveau auf dem österreichischen Zeitungsmarkt tatsächlich ist. Wenn „Die Presse” also in der letzten Sonntagsausgabe in gewohnt verhöhnendem Ton argumentiert, dass doch auch andere Interessensgruppen die Proteste des Beispiels Audimax für sich in jedwedem Kontext nutzen sollten, so könnte man dieser im Gegenzug den Rat mit auf den Weg geben, dass diese solche Protestwellen auch dahingehend nutzen könnte, in der ständigen Qualitätsdebatte bei ihren kommunikationswissenschaftlichen Kritikern ein paar Pluspunkte zu sammeln - durch die Wahrnehmung ihrer eigentlich Aufgabe - einen nicht-wertenden, an Objektivität orientierten Journalismus zu betreiben. Von der „Kronen Zeitung” hätte vermutlich ohnehin niemand eine andere Reaktion erwartet. Diese orientiert sich eben einzig an der Hauptmaxime ihrer Leser - der unerbitterlichen Erfüllung jedweder Klischees. Im Kollektiv agieren „Presse” und „Krone” also genauso, wie sie es als Teil der „vierten Gewalt” nicht tun sollten - als publizistisches Holzbein einer von Hinterzimmerpolitik dominierten Humpeldemokratie. Text: Christian Eisner Dieser Artikel wurde auch auf unsereuni.at veröffentlicht.

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Artikel erstellt am 03.11.2009 um 21:04 Uhr
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Kommentare
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3 Kommentare zu diesem Beitrag


spitze. und diesen ausdruck hab ich schon lang nicht mehr gebraucht...
04.11.2009 um 14:45

die studentenproteste zeigen mehr als deutlich, dass man sich auf diverse klassische medien nicht (mehr) verlassen kann. faszinierend, was da alles im internet passiert - für mich gerade in diesem thema erste adresse für informationen. HAMMER artikel by the way...
04.11.2009 um 14:57

Volle Zustimmung! Sehr guter Artikel. Gruß
05.11.2009 um 13:45  
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