Blog Party Vol. 1

Für mich beginnt diese Woche mit dem Umzug nach Wien ein neuer Lebensabschnitt, something new. Der richtige Zeitpunkt mit "Blog Party", meiner kolumnenähnlichen Blogserie, zu beginnen. Aber eigentlich soll es hier gar nicht um mich gehen, sondern um eine ganze Generation, oder subjektiver formuliert, um meine Generation. Eines vorweg: Ich will hier bestimmt kein "Tristesse Royale 2.0" publizieren - mit Herren wie Joachim Bessing, Christian Kracht oder Benjamin von Stuckrad-Barre möchte ich mich nicht messen müssen - allerdings muss ich fairerweise erwähnen, dass mich dieses Buch sehr wohl für dieses Blogthema inspiriert hat. Doch geben wir dem Kind erstmal einen Namen:  Gen C, abgekürzt für Generation Content, so die Bezeichnung einer neuen digitalen Boheme, zu der ich mich in einer gewissen Weise zugehörig fühle. Die britischen Marketingexperten Tim Jackson and David Shaw definieren den Begriff wie folgt: "[...] refers to the large numbers of people contributing to user-generated content on various websites. This phenomenon is most commonly associated with social networking" (Quelle: Jackson/Shaw: Mastering Fashion Marketing. 2009. S. 12). Andere bevorzugen folgende Definition: "Generation C's members all have the common characteristic of being 'digital natives' who turn to the Internet naturally and extensively to do a number of things, and are very Web 2.0-savvy" (Quelle: http://jobsearchtech.about.com)

Wenn wir schon bei Etymologie sind, der Blogtitel "Blog Party" lässt sich schlicht und einfach von der englischen Indie-Rockband Bloc Party ableiten. Bloc Party-Lyrics kann man, wie ich finde, auch auf meine Generation umlegen. So sind Texte wie "heavy night, it was a heavy night" oder "becoming adult, turning into myself" sehr bezeichnend für meine derzeitige Lebenssituation. Oder "Flux", einer meiner Lieblingssongs, impliziert dieses ständige "im-Fluss-sein", dass der Gen C durch den Informationsstrom von Facebook, Google Wave und Twitter geläufig ist. "We are in a state of flux", alles fließt, panta rhei und so. Weitere hervorstechende Songfetzen: "I'd kill for an adventure" oder "we must talk about our problems", ebenso wie "hunting for witches", das für mich immer mehr nach "hunting for WIDGETS" klingt - bin aber viell. wirklich schon Web 2.0-geschädigt. Selbst der Albumtitel "A weekend in the city" ist passend, denn ist es nicht so, dass wir ständig auf Achse sind oder sein wollen? Gerade Studenten reisen gern, so nach dem Motto: "Kurz mal über's Wochenende weg". Billigfluglinien und Low-Budget-Hotels machen es uns mit ihren Konzepten besonders leicht, und da brauchen wir nur an die Leistungen von EasyJet und EasyHotels denken. Aber Bloc Party als Versteher der Gen C ist lediglich meine persönliche Interpretation, gepaart mit viel Vorstellungsvermögen.

However, wer steckt hinter Gen C? Geboren zwischen 1982 und 1996, sind wir "Digital Natives", medienkompetent, beherrschen das Web 2.0 (oder sollte man schon "Semantic Web" oder gar "Web 3.0" schreiben?), produzieren darin Content am laufenden Band (sei es mit Blogs, Tweets, mit der Verbreitung von Links, dem Sharen von Fotos und Videos usw.), sind "always on" und "on fire", heartstormen und mindcasten, sind Prosumer und Early Adopters und, um im Marketing zu bleiben, lernen von "Fanbindung" (vgl. Facebook-Fansites) anstatt von Kundenbindung. Für uns ist die Welt ein angebissener Apfel mit Steve Jobs als Präsident und "iWoz" als Bibel. Wir sind querdenkerisch und teilweise krampfhaft darum bemüht, anders zu sein als die anderen, oder im viktorianischen Sinne, streben nach einer "possibility to excel in the chain of being". Wir wollen unsere Faves, Ideen und Meinungen an die anderen User bringen, "Indie" ist unsere Lebenseinstellung, lesen Magazine wie "Datum", "Fleisch", "Neon" und "Spex", können ohne Converse, Dieseljeans und der (gefakten) Ray-Ban nicht lay-ben, zitieren nach wie vor studiVZ-Gruppen (obwohl studiVZ schon längst passe ist), diskutieren über Tarantino-Filme und den Juno-Soundtrack, haben Blumenau als Blogvorbild und Sascha Lobo unter unseren Facebook-Freunden. Übrigens, Online Communities und die "Befriendung", auch so ein Gen C-Charakteristikum.

Kurzer Exkurs: Habe erst neulich meine 300 Facebook-"Freunde" in Sub-Freundeslisten eingeteilt, und zwar in "fremd" (= Leute, die ich gar nicht persönlich kenne, d.h. Medienkontakte, Musiker, Sportler, B-Promis uvm.), "B-friends" (= Leute, die ich zwar kenne, durch FH, Schule, Arbeit oder Seminaren, mit denen ich aber kaum kommuniziere), "friends" (Leute, die ich zumindest hin und wieder mal sehe und mit denen ich auch im "real life" in Kontakt bin) und natürlich der Handvoll "best friends". Seitdem ist meine private Posting-Leserschaft auf eine sehr überschaubare Anzahl von Leuten (gehören den beiden letztgenannten Freundeslisten an -> Privatsphäre-Posting-Settings) geschrumpft. Apropos Postings, will auch bestimmt nicht über Saturday-Night-Fever- und Bauer-sucht-Frau-Videos a la "ich bin fick und fertig", BH-Farben-Status-Updates oder der viralen Verbreitung des "Alors on Danse"-Songtextes lästern, schließlich bin ich selbst jemand der Facebook mit Fashion Week-Fotos oder Tocotronic-Zitaten verstopft, aber hallo? Allmählich kann ich Niavarani's Monologvideo über Facebook, das immer und immer wieder gepostet wird, schon auswendig. Wurscht. Es wird immer digitale Nackapatzln geben, die in ein soziales Netzwerk geraten und euphorisch alle zwei Stunden (oder rauschig mitten in der Nacht) wild drauflos posten, doch zum Glück gibt es ja die "hide"-Funktion.

Zurück zu Gen C: Rein gefühlsmäßig stelle ich jetzt einfach mal die Behauptung auf, dass Mitglieder der Gen C überwiegend in der Medienbranche und Kreativwirtschaft zu finden sind. Aber wieso wollen wir eigentlich alle etwas mit Fotos, Musik, Filmen, Werbung, Zeitschriften oder Zeitungen machen? Und was ist jetzt genau ein Etat Direktor oder Social Media Planner? Ja klar, die meisten Neuberufler schauen verdammt gut aus, sind innovativ und kreativ, stets up-2-date und state-of-the-art, arbeiten in stylishen Agenturen, wissen, wie man das eigene Image via sozialer Netzwerke aufpolieren kann, duzen und kennen sich alle untereinander usw., aber ehrlich? So glamourös sind diese Jobs dann auch wieder nicht. TV-Serien wie "Sex and the City" mit Carrie als toughe Kolumnistin haben uns ein falsches Bild von dieser ach-so-ästhetischen Arbeitswelt vermittelt. Die Realität sieht anders aus: >60 Wochenstunden, das Bangen um einen fixen Vertrag (vor allem im Journalismus), miese Bezahlung und gewiss keine Schönheit, die auf einen selbst abfärbt, nur weil man in der Branche mit schönen Leuten zu tun hat. Diese perfekte "Drei-Wetter-Taft-Welt" wie sie im Fernsehen oder in der Werbung vorgegaukelt wird, ist real nicht vorhanden, zumindest hab' ich sie noch nicht entdeckt. Falls es sie gibt, find' ich sie in Google Maps?

Letzter Terminus für heute: "Facelove", und nein, damit meine ich jetzt nicht den gleichnamigen Indierock-Song des kanadischen Duos P.S., I Love You, sondern die Tatsache, dass die Gen C leidenschaftlich gern und sehr gekonnt Partnersuche im Social Web betreibt. Geht ja auch einfach: Innerhalb der Community kann man beispielsweise sehr schnell seinen Musiknachbarn finden oder Leute mit ähnlicher Buch- oder Filmliste auf die persönliche Watchlist setzen. Außerdem ist es unglaublich simple jemanden anzuchatten oder zu poken. Hat man erstmal wen ins Auge gefasst, kann man z.B. mit episch-lyrischen Statusupdates und/oder mit Gruppen wie "YES. my status is from a song. it's a subtle message to you. take a hint." die Aufmerksamkeit der/des Auserwählten auf sich lenken. Aber mehr dazu vielleicht bei der nächsten Blog Party...bis dahin: "cu later, innovator!" (Arctic Monkeys)


Artikel erstellt am 28.02.2010 um 23:20 Uhr // 642 Views





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2 Kommentare zu diesem Beitrag


1 person likes this
03.03.2010 um 20:44

+1 :) Ich möchte nicht zwischen friends und best friends unterscheiden. Find sowas immer sehr gewagt. @Franz: Artikel schon in deinen Favoriten gespeichert?
12.03.2010 um 14:38